Von Ärzten und keinen.

Mir fällt seit längerer Zeit auf, dass ich immer weniger über meine MS berichte, obwohl dies ja, durch mich gesteuert, ein hauptsächlicher MS-Blog sein soll(te).

Ebenso vergleiche ich ab und an die ganz anfänglichen Frischbuchstaben mit denen, die ich jetzt so ausbrüte.
Is‘ anders, ganz anders.

Ich spüre wahrlich noch den Schock, wenn man das Gefühl so nennen kann, der mir damals im Nacken saß. Und trotz ihm auch die Erleichterung, dass das ungewollte Kind endlich einen Namen hat. Ungewollt gewollt.
Multiple Sklerose.

Diese Krankheit hat mich und mein Denken, mein Fühlen und meine Ansichten auf’s Leben sowas von verändert. Ach, Mensch. Dieser Satz ist so platt wie ein Blatt Papier, und der Sinn doch so tief wie die tiefste Maulwurfwohnung in meinem Garten. Mindestens.

Den letzten Sonntag verbrachte ich vormittags bis abends im Krankenhaus. Nee, in drei verschiedenen Krankenhäusern.
Freitagnacht begannen starke, für mich bis dato unbekannte Schmerzen an und in meiner linken Halsseite. Es sah aus, als hätte ich einen Golfball verschluckt. Fieber kam hinzu, das aber wieder verschwand.
Samstag besserte sich das Ganze ein wenig, kam am Abend jedoch mit voller Wucht wieder zurück.

Es findet gerade eine immense Veränderung in meinem Leben statt.
By the way.

Die Schmerzen krallten sich immer doller an meinen Hals, krochen Richtung Ohr, Schlüsselbein und schließlich zwischen die Schulterblätter, was mir letztlich Panik bescherte. Schlucken fühlte sich an, als müssten Spucke, Trinken und Nahrung „um die Ecke fließen“. Gähnen wurde unmöglich.
Glücklicherweise habe ich eine Freundin, die ich Tag und Nacht mit allen möglichen Gedanken, Fragen und Sorgen betupfen darf. Mir fällt das nicht leicht, so spät Jemanden anzurufen, aber in der Nacht von Samstag auf Sonntag meldete ich mich bei ihr und sie war da.
Sie fragte mich, wer oder was mich denn da nur festhält. Sehr guter Ansatz.
Das fragte ich mich dann auch.
Am Ende war eine gute Stunde rum, ich entspannter und froh, solche Gedanken-Wert-Vollen Menschenwesen um mich herum zu haben.

Sonntagmorgen war die Kralle um einiges gewachsen.
Ich konnte vor Schwindel kaum laufen und auch nicht richtig geradeaus gucken.
Das gehört definitiv nicht zur MS, was ist das nur, was ist das nur, dachte ich.

Ich rief Roman an und er holte mich sofort ab.
Wir fuhren in ein Krankenhaus, in dem mich ein Assistenzarzt auf dem Flur abfing, als er sah, dass wir in die Notaufnahme gehen wollten.
Ich wurde nach einem halben Satz im Versuch eines Anamneseberichtes unterbrochen. Seine „Diagnose“ (im Flur stehend, zwischen anderen Patienten, Mitarbeitern und Sanitätern, ohne meine KV-Karte eingelesen oder mich auch nur ansatzweise untersucht zu haben): „Das wird die gerade grassierende Influenza sein. Sie bekommen wahrscheinlich auch noch Durchfall. Da spielt der Norovirus gerade voll mit. Ibu rein, und in einer Woche isses besser.“

Auf dem Weg nach draußen fragte ich Roman, wo hier wohl die versteckte Kamera sei.
Nur wundern, nicht ärgern.
Weitere Verdachtsdiagnosen, die an diesem Tag geäußert wurden, reichten von Pfeifferschem Drüsenfieber bis hin zum Hinterwandinfarkt – meine Pumpe soll krank sein? Never! Wenn etwas an mir astrein funktioniert, ist es mein Herz!
(Isso. War dann auch so. Sach ich doch.)

Im zweiten KH nahm die Dame an der Anmeldung meine Beschwerden schon ernster, sagte uns, dass aktuell eine Wartezeit von mindestens 4 Stunden bestünde und schickte uns weiter nach Hamburg in eine Klinik.

Dort kam ich sofort dran.
Ein HNO machte eine Endoskopie meines Kehlkopfes (würg), der Nasennebenhöhlen (maxiwürg), eine Sonographie der linken Halsseite, die vergrößerte Lymphknoten zeigte.
Da ich Schmerzen zwischen den Schulterblättern hatte, ordnete er ein EKG an, sowie ein umfassendes Blutbild.
Ich bekam einen Zugang gelegt, da ich (laut Krankenschwester), noch einen „Cocktail“ bekommen sollte.
Ich fragte, was mir denn da wohl so blüht. Paracematol i.v., meinte sie. Ich lehnte dankend ab.
Noch mehr Schmerzmedikation wollte ich nun wirklich nicht nehmen.

Ich bin ein Mensch, und kein Chemiebaukasten.
Zudem sollte dort Ursachenforschung betrieben werden, und keine Vollunterdrückung aller Symptome. Das hätte ich auch zuhause geschafft.
So gelang es ihr sogar, auch endlich mal Fieber zu messen.

Das fand der Arzt nicht gut. Kam nach einer Weile stinkig an mein Bett, das auf dem Flur stand, und meinte: „Sie weigern sich, TROTZ angeblicher (Pause) Schmerzen, Paracetamol zu erhalten! DAS passt nicht zusammen!“
Er wollte gehen.

Ich stoppte ihn, und hielt diesem Mann umgehend eine sachliche, ruhige aber sich gewaschene Standpauke. Über den zu respektierenden Eigenwillen eines jeden Patienten. Darüber, dass er ein Dienstleister und kein Vollstrecker sei. Über mich und meine Krankheitsgeschichte von mittlerweile 14 Jahren. Meine durchaus ansehnliche, super funktionierende Einstellung mit Schmerzmedikation durch einen Professor der Palliativmedizin im Jahre 2008. Meine furchtbarsten Arzterfahrungen. Über mein Entsetzen, wie er hier mit mir sprach, über mein Entsetzen, was er mir damit nicht einmal indirekt sondern extrem dreist unterstellte. Und sagte ihm, dass das eine einzige Unverschämtheit sei. Und ob es ihn nicht wundern würde, wieso man mich, statt Ursachenforschung zu betreiben, sofort unter „Drogen“ setzen wollte, obwohl ich diesbezüglich ja schon längst versorgt wurde und TROTZDEM noch die gleichen Beschwerden hatte.

Das Publikum reagierte unterschiedlich. Roman guckte schlichtend zwischen mir und dem HNO hin und her, ein 97 Jahre alter Patient, der schräg gegenüber lag, nickte so fleißig, dass sein Bett wackelte.

Ich rechnete mit seiner Flucht, den HNO-Kittelrücklichtern. Vollstens.

Aber er blieb, stützte sich auf mein Bettgestell, rieb sich hektisch die Nase und fragte: „Was machen wir denn nur mit Ihnen, Frau Plaschke?“

„Haben Sie Medizin studiert, oder ich?“ war meine Gegenfrage.

Er zog einen Kollegen hinzu. Begrüßung: „Naaaa, was haben wir denn hier? Sind Sie außer Ihren akuten Beschwerden gesund und munter?“ „Munter definitiv, gesund – naja. Das ist wohl Ansichtssache.“ Ich wollte hier nicht noch eine Grundsatzdiskussion zum Thema „Wann ist man mit einer MS wie schwer krank?“ anleiern. Dieser Kollege war übrigens Orthopäde, untersuchte mich gute zehn Minuten und stellte fest, dass mein Musculus Sternocleidomastoideus verspannt und entzündet sei. Daher dürfte auch der entzündete Lymphknoten rühren.
„Stressverspannung, was’n los? Ihre Schultern kleben ja förmlich an Ihren Ohrläppchen!“

Wärme, Ruhe, gezielte Bewegung.
Von chemischen Schmerzmitteln war später nur noch kurz die Rede, das wurde dann wohl begriffen, an der Weißkittelfront.

Arzterfahrungen, man könnte ein Buch darüber schreiben.
Könnte, wenn es nicht manchmal so saumäßig verletzend wäre.

Aber auch diese gesunde Distanz werde ich noch auf Dauer verbessern können.
Tschakka.

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