Feinstoffwechsel.

Zwischen Begeistern und Bekehren liegt ein himmelweiter Unterschied.

Den spüre ich in den letzten Wochen in bestimmten Situationen bei bestimmten Menschen in meinem nahen Umfeld, und zwar sehr.

Ich persönlich finde es wunderbar, lebens- und liebenswert, ansteckend und motivierend, wenn Menschen sich für bestimmte Dinge begeistern. Die leuchten dann so schön. Und schaffen es voll oft, auch andere anzustecken, mit ihrer Begeisterung.

In den letzten Monaten habe ich Filme gesehen, die ich selbst nie aus dem DVD-Regal gezogen hätte, und fand sie schon alleine deshalb toll, weil Jemand guckend und glucksend neben mir saß, und im Kreis grinste, höllisch laut lachte oder einen halben Ozean ausheulte, während er sich die Nase schnäuzte und mit dem Taschentuch auf den Fernseher zeigte.

Ich habe Yogaübungen angetestet, die ich vorher für mich viel zu schwierig bis hin zu absolut und definitiv unmöglich hielt. Dank der Begeisterung (und in diesem Falle dem Fachwissen) eines anderen Menschen.

Dank eines Radiologen, der sich Zeit für mich nahm, schaute ich bei meinen letzten MRT-Bildern beim zweiten Blick genau hin, konnte ihm Glauben schenken und sah, mit einem lachenden und einem weinenden Auge, der Realität ins Gesicht – wenn Menschen andere für’s Hinsehen begeistern, werden Angstmonster kleiner.

Sowas, die Begeisterung, kann abdriften und ausufern.

Und zwar, wenn mich Jemand, der diese Eigenart bei anderen schwer verurteilt und verteufelt, bekehren will.

Es gibt NICHTS Besseres.

Es gibt NUR diesen EINEN Weg.

Es ist DAS Mittel schlechthin, um…

Und so weiter.

Was mich daran verwundert (wobei…mittlerweile auch nicht mehr arg), ist die Tatsache, dass die Menschen selbst eines gar nicht mehr versprühen: Begeisterung.

Die leuchten nicht. Die sind angestrengt. Und grau.

Sie sind so damit beschäftigt, andere vom Gehen auf IHREM Weg, von IHRER Überzeugung zu überzeugen, dass sie das Schöne, an was auch immer, völlig übersehen.

Da wird gefachsimpelt, geinstyled, gequasselt, was die Quelle hergibt. Aber was war denn noch gleich die Quelle? Wo ist der Ursprung? Eine Trendsportart, eine Ernährungsweise, die irgendwie alle befolgen (verfolgen?), aber warum eigentlich? Warum mache ICH das, was habe ICH damals für mich daran entdeckt, dass ICH diese Begeisterung spürte? Und was treibt mich an, unglücklich zu sein oder zu scheinen, wenn andere meinen ultimativen Weg nicht für sich entdecken?

Meist ist dieses bekehren wollen gekoppelt mit sich nicht mehr mit anderen und ihren Erfolgen oder ihren Wegweise(r)n mitfreuen können.

Wir sind schon komische Tierchen, wir Menschen.

Und in mir schlummert so vieles, was diesen Feinstoffwechsel, diesen Austausch zwischen mir und dem Bekehrer so intensiv wahrnimmt, wie eine Leselupe eine Ameise vergrößert.

Manchmal fühlt es sich doof an, nervig, überflüssig, energieraubend. Jedoch: ich kann das selbst entscheiden. Sage ich Stop? Ziehe ich mich zurück? Spiegel ich mein Gegenüber, indem ich ebenfalls zum Kurzzeitbekehrer werde? Das kann wohl passieren. Spreche ich das an, was mir auffällt, was ich empfinde?

Oder lasse ich all das einfach fliegen, puste kräftig Luft hinterher, damit dieser stickige Kopfdunst abziehen kann?

Das nennt man dann wohl verfeinstoffwechseln.

Guten Flug.

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Ein Gedanke zu “Feinstoffwechsel.

  1. Eine sehr wahre Beobachtung, der ich in den letzten Monaten häufiger begegnet bin – unter Läufern und in Bezug auf Ernährungsweisen findet sich dieser angestrengte Menschentyp mitunter stark gehäuft, scheint es. 😉 Manche Dinge, ursprünglich schön, werden durch diesen Dogmatismus dann unnötig schwer. Auch, weil diese Herangehensweise anderen Menschen die Fähigkeit abspricht, eigene Entscheidungen treffen zu können oder Erfahrungen zu sammeln, um herauszufinden, womit man sich selbst am wohlsten fühlt. Denn jeder Jeck ist eben anders. 🙂

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