Dorothea und die Alte Liebe.

In meiner mündlichen Abschlussprüfung der Sterbeammenausbildung war es ein Thema: Der Sinn des Wartens. Um es vorweg zu nehmen: es gibt nicht nur die eine, einzige Sinnhaftigkeit.

Wieso dauern manche Prozesse so arg lang?

Wieso wirkt diese Zeit auf uns so bedrohlich, quälend?

Wie könnte (sollte?) man diese Zeit nutzen?

In einem Sterbeprozess gelangt man vielleicht irgendwann an einen Punkt, wo jegliche Rechnungen beglichen, jegliche Gespräche gesprochen, jegliche Streitereien gestritten und jegliche Blicke getauscht wurden.

Aber die Tür nach nebenan bleibt geschlossen.

Was hält da genau unsere Welten an?

Dorothea wartet.

Die Oma meines besten Freundes liegt seit geraumer Zeit im Sterben.

Und wir, die Familie und ich, fragten uns hier und da, auf was oder wen sie wohl wartet.

Diverse Blicke auf den Kalender im Wechsel auf den immer zarter, transparenter werdenden Körper und Erinnerungen an eine Cuxhavenzeit, die Alte Liebe und gemeinsame Ausflüge, Gewohnheiten, die ihre Kinder und Enkel nur mit ihr, der geliebten Mutter und Oma, in Verbindung bringen, lösen viele Gedanken aus.

Dorotheas Mann verstarb bereits vor vielen Jahren.

Gehen wir davon aus, dass er sie abholt, unter Anbetracht dieses langen Zeitraums, findet wohl gerade ein erneutes Kennenlernen statt. Man verändert sich eben. Wohl nicht nur hier auf der Erde.

Ein anderer Aspekt ist, dass sterbende Menschen fühlen, wenn die Angehörigen nicht „okay“ mit der Tatsache sind, dass gerade ein Abschied stattfindet. Ich mag das Wort ja nicht mehr sonderlich, aber hier geht es in der Tat um das irdische Loslassen, Lösen. Zu bedenken gibt es hier Vieles. Eine Tür, die geschlossen wird, und zwar von der anderen Seite aus, bedeutet nicht gleichzeitig einen Kontaktabbruch.

Dass die vermeintliche Qual in dieser Lebensphase auf der Seite derer liegt, die bleiben, die trauern und vermissen. Schon jetzt.

Dorothea wartet.

Und während uns, der Familie und mir, die augenblickliche Ruhe in ihrem Zimmer auffällt, diese schwindende Unruhe nachdem die geliebte Mutter und Großmutter zahlreiche Sterbephänomene durchlebt hat, wird sie weich.

Die Koffer werden gepackt, einige Kartons wären noch zu besorgen. Sie und ihr Mann tun dies gemeinsam, sagt sie uns. Sterben ist ein Gemeinschaftsprojekt, das ist uns allen klar; egal, auf welcher Seite wir stehen.

Ihr geliebter Enkel hält ihre Hand, er streichelt sie, redet leise mit ihr. Später sitzt er einfach bei ihr, genießt diese Ruhe, diesen Frieden, fühlt sich eins mit diesem natürlichen Prozess, der stattfindet, hadert nicht mehr damit, dass ein großartiger Mensch vor seinen Augen jeden Tag ein bisschen viel mehr stirbt.

Zeit und Raum spielen irgendwann überhaupt keine Rolle mehr, da bin ich mir sicher.

Dorothea wartet.

Je mehr Menschen in ihr Zimmer kommen und ihr sagen, dass es okay sei, dass sie gehen könne, dass sie doch jetzt mal gehen sollte, umso ruhiger und stetiger wartet sie.

Sterbende sind Lebende: Wann gestorben wird, hat immer noch etwas mit Selbstbestimmtheit zu tun.

Wäre ja noch schöner…

Gute Reise, Du wundervolle Frau.

Ich danke Dir, Dich so viele Wochen begleiten zu dürfen, da zu sein, weinen zu dürfen, lachen zu dürfen, zuhören und beobachten, lernen und lehren zu dürfen.

Wir nehmen Dich wahr, mit unseren Augen, unseren Herzen und Köpfen.

Die Alte Liebe wartet nun auf Dich.

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