MS und MS.

In der Zeit, als meine Mutter Krebspatientin war, haben wir neben den ganzen Katastrophen auch recht „Unterhaltsames“ erlebt.

Während einer Reha erlebte sie eine Art Konkurrenzdenken innerhalb der Patientengruppe. „Mein Tumor ist aber größer“, „Meiner hat schon gestreut“, „Mein Krebs ist der seltenere“ und so weiter.

Ja, soetwas gibt es. Klar.

Ich habe in den letzten Jahren mit meiner Krankheit oft erlebt, dass MS’ler, die, von außen betrachtet, eher wenige bis keine Symptome haben, den MS’lern, die, ebenfalls von außen betrachtet, schon härter getroffen scheinen, sagen, wie sie ihr Leben leben und genießen und meistern sollen.

Diese Floskeln reichen von „Kopf hoch! Ist doch Alles nicht so schlimm!“ über „Och…das bissken Kribbeln bringt uns auch nicht um“ bis hin zu „Mach was draus, alles hat seinen Sinn“, „Komm, mir geht es doch viel beschissener, als Dir“ und so fort.

Auch ich bin ab und zu irritiert, wenn Geplantes einfach nicht zustande kommt, weil es meinem „Planpartner“ laut eigener Aussage mies geht, derjenige kurz danach aber auf irgendeiner sozialen Plattform in Feierlaune zu sehen ist, Mordsprojekte abarbeitet oder sonstwas treibt. Ich gebe mein Bestes, dies eben NICHT zu werten. Irritiert sein…das bleibt wohl. Aber zu bewerten habe ich das einfach nicht. Zudem liegt es bei mir, was ich zukünftig daraus mache.

Hm.

Weder Jemand, der eine vergleichsweise (wie blöd, selbst DAS ist einfach unmöglich) sanfte Form der MS an den Hacken hat, noch Jemand, der den Mist von A-Z durchlebt, hat das Recht, anderen seine Sicht der Dinge kompromisslos auf’s Auge zu drücken. Für den einen mögen schon Missempfindungen verdammt einschränkend und störend sein, während der andere samt Rolli, Morphin und Co. wirklich gelöst und okay sein Leben meistert.

Wo scheint denn nur das Problem zu sitzen, einen anderen Menschen so anzuerkennen und anzunehmen, wie er vor einem steht? Dass der eigene Umgang, den doch bitte Jeder akzeptieren soll, auch selbstverständlich für jeden anderen individuell, einzigartig, wichtig, wertvoll und verdammt nochmal nicht anfechtbar oder anzuzweifeln ist? Dass das, was man anderen als Oberschlaumeier mit auf den Weg gibt, zwischen Tür und Angel und Frühstückscroissant, vielleicht schon längst bei demjenigen angekommen ist? Dass auch Neubetroffene eventuell besser informiert sind, als langjährige Betroffene? Dass der Umgang mit MS nicht bewertbar ist, nur weil ein Mensch sehr jung oder sehr alt ist? Dass man fragt, bevor man redet und vermeintliche Aufklärungsarbeit betreibt?

Selbst wenn Jemand gerade den Kopf in den Sand steckt – wer von uns kennt denn diese Phasen nicht? Egal, ob gesund oder krank, Pessimist oder Optimist, MS’ler oder Krebspatient? Und ja, auch solche Durststrecken können und dürfen länger bis lange dauern. Eine Krankheit samt ihrer Bewältigung stellt einen Prozess dar, der sich ständig verändert, in sich und auch  drumherum.

Ihr lest, ich kann dieses Pseudo-Alle-MS’ler-Müssen-Gleich-Ticken-Sonst-Ist-Was-Faul-Getue nicht mehr ab.

Nee, dieses neumodisch vehemente Verlangen nach Einzigartigkeit ist anstregend. Wir alle SIND einzigartig. Fangen wir doch an, das zu erkennen, anstatt es über Oberflächlichkeiten einzufordern.

Man muss andere Meinungen nicht toll finden. Man muss nicht JUHU schreien, wenn ein anderer mit dem selben Grundlagendrehbuch in der Hand einen anderen Film dreht. Man könnte aber versuchen, genau darin das Besondere zu sehen.

Und wenn man einen Schritt weiter geht, zieht man aus jeder einzelnen Geschichte eines anderen Betroffenen für sich wertvolle und informative Stücke. Man lernt. Hört aktiv zu. Tauscht sich aus und unterstützt sich, anstatt Andersdenkende klein zu reden oder abzuwerten.

Ich verstehe die, die sich in keine Foren zum Thema einloggen wollen. ich verstehe die, die sich keine Filme über MS ansehen wollen, weil alles entweder wie ein purer, aussichtloser Horror dargestellt wird (was es für DEN, um den es sich dreht, auch ist), oder weil alles in blumig-fluffiger Romantik verpackt und verniedlicht wird. Auch das kann MS für den Einzelnen bedeuten. Nun müssten wir uns verknüpfen, um eben genau diesen Mix, diese Vielfalt hinzubekommen und Schwarz und Weiß und Grau und Bunt, Horror und Romantik nebeneinainder gleichwertig bestehen, gelten zu lassen.

Hier geht es nicht um eine Rangliste, einen Wettbewerb.

Es geht um einzelne Leben und Empfindungen und die Wichtigkeit, sich auf unser Gegenüber einzustellen, es wirklich anzusehen, mit Herz und Kopf, anstatt nur die Augen offen zu halten.

In diesem Sinne…

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