Für Frau M.

Sie gehen vorbei.

Gehen vorbei und ihren Gedanken nach, wohl wissend, was noch alles zu tun ist, was getan werden muss. Und getan werden muss viel.

Sie hasten durch die Gänge, über die Flure und das Treppenhaus hinauf und hinab. Hier und da grüßen sie sich untereinander, nicken sich zu, lachen im Vorbeigehen oder smalltalken.

Ja, sie gehen vorbei.

Den Kopf voll mit dem, was vor ihnen liegt und mit dem, was gestern war. Sie gehen vorbei und sind schon im Morgen. Sie gehen vorbei, anstatt im Hier und Jetzt stehen zu bleiben, zu sein, zu verweilen, zu schauen, zu horchen und zu atmen.

Mit ihnen vergeht noch etwas…

…die Zeit.

Und irgendwann, ja irgendwann, da kommt ein Morgen, welches nicht mehr hastig verlebt werden kann. Da sitzen sie dann, denken nach. Denken an das Gestern.

„Ach, hätten wir doch…“

Allerdings gibt es auch Ausnahmen.

Denn ab und zu kommen sie in mein Zimmer.

Sie setzen sich neben mich oder stellen sich mit einiger Entfernung zu mir. Beobachten mich, berühren mich auch mal sanft, reden leise mit mir, vielleicht weinen sie auch.

Nur warum?

Ich glaube nicht, dass sie meinen nahenden Tod beweinen, meinen Abschied von dieser Welt, den ich durchlebe, oder meine Sorge, meine Gedanken um und über das, was dann wohl kommt, danach.

Nein, sie weinen, weil sie in all ihrer Hektik, in all ihrem Stress, in all ihrem Smalltalken, in all ihrem im Gestern und Morgen sein ihre eigene Endlichkeit spüren und sie in Form meiner sterbenden Hülle versinnbildlicht wird.

Nicht nur sie gehen vorbei, nicht nur die Zeit geht vorbei.

Alles geht vorbei.

Manchmal schneller, als man denkt. Manchmal grausamer, als man es sich jemals vorstellen konnte. Und, ja, manchmal überraschender, als man denkt.

Und so schade es ist, dass sie Tag für Tag vorbei gehen, so schön ist es auch, dass sie von Zeit zu Zeit den Mut aufbringen, in mein Zimmer kommen und innehalten.

Und stehen bleiben. Entgegen der Zeit.

Und atmen.

Und einfach mal sie selbst sind.

Mit allen Ängsten, allen Bedenken, Sorgen, gekappten Gefühlen.

Sterbende sind Lebende, Sterbende sind keine Toten.

Jeder Mensch, und sei er körperlich noch so handlungsunfähig, kann so unsagbar viel bewirken, tun, gebraucht werden.

Wenn wir hingucken wollen.

Und stehenbleiben.

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