Hinter diesen Augen.

Der grimmig schauende Mann. Jeden Tag läuft er Dir über den Weg. Jeden Tag wunderst Du Dich, ärgerst Dich fast, warum der nicht einmal lächeln kann? Seine Mundwinkel hängen, die Stirnfalte ist tief, den Kopf zieht er fest zwischen seine Schultern. Ab und zu rempelt er einfach die umhergehenden Passanten an, entschuldigt sich nicht einmal. Wie kann er nur? So ein Rüpel.

An der Kasse fährst Du fast aus Deiner Haut, weil die Kassiererin wieder einmal weder „Hallo“, „Danke“, noch „Bitte“ zu Dir sagt, als Du Deine Klammotten kaufst und bezahlst. Wie kann sie nur? Sie schmeißt DEINE Einkäufe fast über das Band, knallt Dir das Kleingeld auf das Display der Kasse und schaut an Dir vorbei.

Später, auf Deinem Heimweg, schlurft wieder einmal der kleine Junge, naja, fast im Teenageralter ist er, an Dir vorbei. Rupft Blumen aus den Beeten, um sie gleich darauf gedankenlos fallen zu lassen. Du ärgerst Dich. Wie kann er nur? Da hegen und pflegen diese Leute fleißig ihre Pflanzen, und der Trottel macht das ganze, schöne Werk einfach kaputt.

Hinter diesen Augen.

Ah, da ist sie ja wieder. Blickt so grimmig drein, nie lächelt sie mich an. Was habe ich ihr nur getan? Wieso verachtet sie mich so ganz offensichtlich? Würde sie einmal stehenbleiben, mich ein wenig länger anschauen, würden sie vielleicht rollen, die Tränen. Ich wünsche mir so sehr, dass ein fremder Blick einmal länger hält, als diese erniedrigende Sekunde, diesen Bruchteil einer Sekunde, in dem ich bewertet, abgestempelt und vielleicht sogar abgewertet werde. Ich bin allein, schon so lange. Schon so, so lange. Nach dem Tod meiner Frau und meiner Tochter erlitt ich diesen verdammten Schlaganfall. Seitdem bin ich auch innerlich gelähmt. Ich will nur noch sterben, ich will zu meiner Frau. Ich will wieder Wärme, Liebe und Fürsorge erfahren.

Hinter diesen Augen.

Ah, da ist sie ja wieder. Sie schaut schon so vorausschauend skeptisch, als würde sie fast erwarten, dass nichts zurückkommt, wenn sie süffisant „Einen schönen guten Tag!“ zu mir sagt. Was habe ich ihr nur getan? Was habe ich verbrochen? Dieser Job, der mir soviel Kraft und Energie raubt. Von morgens bis abends sitze ich hier an dieser Kasse und erlebe innerhalb weniger Minuten hunderte von Emotionen und Gefühlsregungen derer, die hier einkaufen. Abends gehe ich den langen, ja langen Weg nach Hause. Und kann noch immer nicht abschalten. Meine pflegebedürftigen Eltern sind darauf angewiesen, dass ich sie nach meinem Feierabend versorge. Ein Autounfall. Eine Sekunde. Drei Leben standen plötzlich still. Manchmal denke ich, dass es besser wäre, wenn wir drei nicht mehr wären. Im nächsten Moment hasse ich mich für meine Gedanken.

Hinter diesen Augen.

Ah, da ist sie ja wieder. Und wie die guckt. Als wolle sie mir den Hals umdrehen, meine Fresse. Geht die doch nichts an, ob ich Meiers Blumen ausreisse. Sind doch nicht ihre, genau, NICHT ihre Blumen. Was weiß DIE denn schon? Nichts weiß die, nichts. Diese blöden Blumen. Tag für Tag sehe ich die, jeden Tag muss ich an ihnen vorbeigehen. Und das tut so weh, dass ich mich am liebsten selbst zerreissen würde. Diese doofen Blumen! Genau die gleichen warf ich vor einem halben Jahr auf das Grab meines Vaters, genau die gleichen. Halte ich sie in der Hand, ist es kurz schön. Dann tut es zu weh, sie zu halten, dann kommt alles hoch. Alles kommt hoch. Ich vermisse ihn so sehr.

Schau genauer hin.

Wenn Du nichts siehst, fühl genauer hin. Überleg Dir, dass jeder von uns ein Päckchen trägt. Manche Päckchen lassen sich nicht so einfach ablegen.

Wie Rucksäcke mit einer lebenslangen Tragepflicht.

Vielleicht kannst genau DU helfen, diese Rucksäcke ein wenig leichter zu machen. Denn zu dem Inhalt, der schwer wiegt, gesellen sich leider oftmals Vorurteile, schnelle Verurteilungen und Fehlinterpretationen, die ein einziges Leben wahrhaftig tausendfach zerschlagen können.

Der erste Schritt ist für den anderen manchmal scheinbar schwer. Schwerer, als für Dich. Und wenn der erste Schritt ein Lächeln sein kann, geh ihn.

Er ist vollkommen kostenlos und doch so unwahrscheinlich viel wert.

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Ein Gedanke zu “Hinter diesen Augen.

  1. Jeder hat sein „Päckchen“ zu tragen. Und jeder denkt, seines wiegt am Meisten. Ein wenig mehr Empathie würde die Welt ein wenig besser machen.

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