Mund aufmachen.

Ich habe ein echt gutes Leben. Um ehrlich zu sein sogar ein verdammt gutes Leben.

Außer dem bisschen MS und stinknormalen, nervigen Alltagssorgen bin ich wohlauf. Ich habe eine tolle Familie, eine Hand voll guter Freunde, die zwei besten Hunde des Universums und einen Job, den ich mehr als liebe.
Ja, ich habe das Glück, mit einer Aufgabe meinen Lebensunterhalt zu verdienen, die mich ausfüllt und täglich mein Herz berührt.

In genau diesem Job erlebe ich Folgendes: Der zweite Weltkrieg findet gerade erneut statt. Und zwar in den Seniorenpflegeheimen.
Dort verbringen Menschen ihren letzten Lebensabschnitt, die einen oder sogar zwei Weltkriege durch- und überlebt haben.
Die traumatisiert sind durch Erlebnisse, die wir uns nicht einmal im Ansatz vorstellen können, egal, wie oft uns davon erzählt wird.

Menschen, die im Krieg Kinder waren, die aber nie eine Kindheit erleben durften. Menschen, die in Höhlen hausen mussten, weil sie sich vor Bomben und irgendwelchen perversen, unmenschlichen Vollidioten versteckten und rund um die Uhr nur eines im Kopf hatten: Wie überlebe ich das? Wie beschütze ich meine Kinder? Wie beschütze ich die Alten? Wie und wohin können wir flüchten? Wie wird diese Flucht? Was erwartet uns dort, wo wir ankommen? Werden wir sterben, werden einige von uns sterben? Gibt es dort Nahrung? Sauberes Wasser? Von medizinischer Versorgung ganz zu schweigen.

Ein Zitat einer Bewohnerin, die ich vor längerer Zeit auf ihrer letzten Reise begleitete: „Ich war 15, gerade in der Ausbildung zur Krankenschwester. Meine Eltern kamen um. Ich wurde ins kalte Wasser geschmissen: Amputationen auf dem offenen Feld unterm Bombenhagel, Fehlgeburten und Abtreibungen, Schutz suchen vor denen, die ihre sexuellen Gelüste an uns ausleben wollten.“

Unvorstellbar? Vielleicht. Klingt wie ein Action-, nein, wie ein Horrorfilm? Mag sein.
Aber all dies ist passiert. Und all dies passiert noch. Jetzt, gleich, gestern und morgen.

Menschen maßen sich an, Gott zu spielen. Menschen denken, sie dürften über Leben und Tod entscheiden, ohne überhaupt zu verstehen, was Leben und Sterben bedeuten, ohne jemals auch nur den Anflug von Moral, Liebe, Empathie und Recht erfahren zu haben.

Wir haben mit den Kriegen ja nichts mehr zu tun, sagen viele. Nein, langsam müsse mal gut sein. So lange her, so lange her.
Und jetzt?

Sie nehmen uns soviel weg. Und uns geht es auch schlecht. Sagen die Vollpfosten.
Wen heißen wir willkommen, in dieser so heuchlerischen Zeit? Wir sind tolerant und weltoffen?
Einen Scheiß sind wir.

Wir schaffen es nicht einmal, ausländischen Mitbürgern beim Supermarkt-Einkauf ein Lächeln zu schenken, oder zu erwidern.
Warum? Vorurteile 2.0 lassen grüßen.

Diese verlogene Möchtegerntoleranz all dieser „Ich bin zwar kein Nazi, aber…“-Menschen, diese schon fast abartige Dummheit in Bezug auf das eigene Leben in Relation zu denen, die gerade nur eines im Kopf haben: Wie überlebe ich das? Wie beschütze ich meine Kinder? Wie beschütze ich die Alten? Wie und wohin können wir flüchten? Wie wird diese Flucht? Was erwartet uns dort, wo wir ankommen? Werden wir sterben, werden einige von uns sterben? Gibt es dort Nahrung? Sauberes Wasser? … genau die, die leider immer wieder den Mund aufmachen, sollten vielleicht mal über einen gewissen Abschnitt des Ohlsdorfer Friedhofes spazieren und sich erklären lassen, welche Menschen dort warum begraben wurden.

Wir gehen gleich ins Bett. Wo uns eine warme Decke, ein Kopfkissen im vielleicht supermordernen Boxspringbett erwartet.
Während auf dieser Welt Menschen von Menschen Abschied nehmen, weil andere Menschen das Böse in Person sind.

Wenn ein Vater samt seiner Familie auf der Flucht ist, was geht wohl in seinem Kopf vor? Dass er dem nächstbesten Deutschen sein beschissenes Iphone klaut? Dass er Herrn Müller-Schulze seinen öden Bürojob vor der Nase wegschnappt?

Jeder, aber auch jeder von uns war schon einmal flüchtig; das behaupte ich einfach mal ganz rotzfrech. Wir alle kennen ein Gefühl der Angst. Haben große oder vielleicht kleine Ängste. Es gibt Etwas oder Jemanden, das oder der dafür sorgt, dass uns der Schreck nach einer gewissen Situation eine ganze Weile sehr prägnant in den Gliedern hängt und uns beschäftigt. Vielleicht haben einige von uns auch schon einmal eine schreckliche Erfahrung mit Gewalt gemacht. Psychisch oder physisch.

Wir fliehen, wir flüchten. Unsere kleine Flucht.

Auch, wenn ich kein Fan davon bin, völlig unterschiedliche Situationen, die mit ein und dem selben Wort betitelt werden können, zu vergleichen, mache ich es. Könnt Ihr Euch das vorstellen, können WIR uns das vorstellen, einem Angst- oder sogar Panikgefühl tage-, wochen-, monatelang ausgesetzt zu sein? Angst, eine Reise, die uns bevorsteht oder auf der wir uns befinden, nicht zu überleben? Wie wird der Tod sein? Qualvoll? Geht Sterben schnell?

Jeder von uns, und das glaube ich ganz fest, besitzt diesen inneren, emotionalen Anlasser, der dafür sorgt, dass ein Funken, oder auch nur ein Fünkchen Empathie aufleuchtet.

Durch meine MS war ich schon in vielen Situationen anderen Menschen ausgeliefert, auf sie angewiesen und von ihnen abhängig. Diese Momente waren teilweise der pure Horror für mich. Obwohl ich wusste: ich komme da lebend wieder raus.

Ein Bewohner berichtete damals, dass er mit 13 Jahren Fahnenträger der Hitlerjugend war, diese Flagge einmal geklaut wurde und er am Pranger stand „Hole bis dann und dann die Flagge zurück, oder wir erschießen dich!“ Was geht da in uns vor? Er sagte, er habe in dem Pflegeheim, in dem er lebte, genau das, was er sich immer wünschte: Sicherheit und Ruhe.

Wir kaufen den leckeren Döner beim freundlichen Türken um die Ecke, tragen Kleidung, die in den USA hergestellt wurde, kaufen Technik, die aus China stammt…aber? Wir benehmen uns in unseren Lieblingsurlaubsländern wie die letzten Höhlenmenschen, dort, wo WIR in diesen Momenten Ausländer sind. Wir verlangen, dass unsere Gastgeber deutsch sprechen, weil wir zu faul sind, uns vorher über die Basics der Landessprache zu informieren. Und: wir sind dort freiwillig.

Idiotie hat nichts mit der Herkunft eines Menschen zu tun. Aber in den letzten Wochen und Monaten festigt sich in mir das Gefühl, dass so einige Ursprungsgene leider in unserem Land festgenagelt und patentiert wurden.
Hier könnt Ihr das Video von Joko und Klaas anschauen, welches mich dazu angestoßen hat, mir mit diesem Text Luft zu machen: 

Danke dafür!

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