Heilung.

Sechs Tage und fünf Nächte.

Fast ein Jahr wartete ich auf diesen Moment: der Wecker klingelt um 02:30h. Nicht nur ich stehe auf, sondern auch eine verdammt hartnäckige Bronchitis samt Fieber und…ach, ja. Die MS wird auch langsam wach.

Die Hunde blinzeln kurz und fragen sich dann, wieso Herrchen und Frauchen in dieser Herrgottsfrühe durch die Wohnung schleichen.

Fertigmachen, einmummeln, Auto packen, Hundis einpacken, los geht’s.

Wir fahren durch mal mehr und mal weniger starken Regen Richtung Nordsee.

Fast ein Jahr.

Als wir nach gut zweieinhalb Stunden an den Salzwiesen vorbeifahren, riechen wir schon die See, hören die Möwen, und auf dem Deich erwachen die Schafe und blöken. Ich liebe es so sehr.

Wir fahren über den Deich zum Fähranleger, die Sonne geht auf. Das Watt ist ihr Spiegel. Die Windräder stehen still, der Regen hört auf zu fallen. Ich schnappe mir die Hundis und laufe mit ihnen ein Stückchen am Deich entlang. Am „Tor zu den Inseln“ steigen weitere entspannt aussehende, lächelnde und gähnende Urlauber aus und holen sich Kaffee, Tickets oder eine Brise Seeluft.

Auf der Fähre nickt Roman sofort ein. Die Hunde ebenso. Ich steige aus und laufe über die Fähre zum Deck, mache Fotos, strahle und schließe die Augen.

Was war das für ein Jahr, für eine Zeit? Welche Wellen liegen hinter mir, auf welcher befinde ich mich gerade? Selbstbewusstsein wechselt sich ab mit Unsicherheit, Vertrauen und Misstrauen geben sich die Klinke in die Hand. Hinter manche Fassade konnte ich schauen, und hätte die Tür zur selben lieber schnell wieder geschlossen. Wegschauen ist keine Lösung, aber…

Ich brachte mein erstes halbes Jahr im neuen Job gut hinter mich, auch da ein Auf und Ab. Das Positive, nämlich die absolute Freude an meiner Arbeit, die Überzeugung aus ganzem Herzen das Richtige zu tun, überwiegt schwer. Alles andere fügt sich, das glaube ich fest.

Wir kommen an. Hallo Murma! Wie schön, dass wir wieder hier sind. Die Hunde beginnen sofort zu fiepen, zu wedeln, ich grinse in einer Dauerschleife, allerdings nur leise, denn sobald ich einen Mucks von mir gebe, belle ich los und bekomme schlecht Luft, doof, doof.

Unser geliebtes Domizil, 80 Meter vom Watt entfernt, in einer Sackgasse als letztes Haus gelegen, wird von der Sonne angestrahlt, die stur von Wolken verwaschen und zum Teil zuverlässig zugedeckt wird. Auspacken, ausatmen, einatmen.

Ich setze mich in einen der Strandkörbe und schaue auf das Watt, sehe in der Ferne ein Schiff und eine Nachbarinsel, das Licht ist irgendwie monochrom und es ist so bezaubernd, einfach nur so bezaubernd.

Der erste Strandspaziergang treibt mir die Tränen in die Augen. Wie sehr kann man einen Ort vermissen? So sehr. Es ist diese Weite, diese Ruhe und gleichzeitig dieses Getöse, was der Wind verursacht. All dies heilt, innen und außen. Es macht Kaputtes wieder heil, hilft dabei, die Gedanken zu ordnen, die vorher einem zusammengefallenen Kartenhaus ähnelten. Von allen Seiten kommt der Wind und hilft so, in der eigenen Mitte stehen zu können. Freihand. Ohne Stützräder oder Krücken oder Netz mit doppeltem Boden.

Die Hunde fegen wie die Blitze durch den Sand, springen in die Wellen, strecken und recken die Nasen in die Sonne, in die salzige Luft, halten inne. Genau wie ihre Menschen.

Das Essen schmeckt nur dort so gut, ganz sicher. Selbst ein fremd-geschmiertes Käsebrötchen könnte zuhause besser nicht sein. Seeluft macht hungrig und zufrieden.

Sechs Tage und fünf Nächte Glück am Stück.

Nun ist sie wieder vorbei, diese Auszeit aus Gold. Kein Kitschroman könnte dieses Gefühl annähernd gut beschreiben, ihm gerecht werden. Diese Insel ist Medizin für mich. Auf der Fähre streife ich den Alltag ab wie einen alten, zu groß und zu schwer gewordenen Mantel. Der Rückweg geschieht peu à peu. Keine Hektik, kein Druck.

Mit den Wellen.

Kein Jahr soll es nun dauern, bis ich zurückfahre. Nein, bitte, kein Jahr. Ich will und werde mich sputen. Auch mit guter Energie und vermehrt positivem Gepäck wohnt dort mein kleines, großes Glück.

Murma.

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