Schief.

Wach werden.

Draußen versucht die alte, orange leuchtende Laterne ihr Licht durch den Nebel zu schicken, der das Dorf einhüllt.

Ich sitze auf der Bettkante und ziehe meine Schultern hoch. Noch höher. Sie hängen mir fast unter den Ohren, als ich sie wieder  fallen lasse.

Ins Bad schlurfend höre ich meine Hunde im Wohnzimmer schnarchen, irgendetwas huscht durch das Laub im Garten.

Als ich vor dem Spiegel stehe, fällt mir auf, wie schief ich bin. Eine Schulter schiefer als die andere. Ich rücke den Kopf gerade, nehme ihn hoch, ziehe die Schulterblätter zurück und schaue mir in die Augen.

So sollte das im besten Normalfall aussehen. Umgehend kehre ich in „meine normale“ Haltung zurück. Auch das gehört wohl zur Selbstachtsamkeit. Hier: Setzen, sechs.

Der Herbst ist da und ich begrüße ihn herzlich und voller Freude. Wie jedes Jahr sehe ich mich satt an dem Licht, an den Farben, an den Bäumen und Pflanzen, den Umrissen der Wildtiere, die durch den Nebel und die tiefhängende, rote Sonne zu einem Märchen werden.

Das Atmen fällt mir leichter und überhaupt alles, was ab einer gewissen Hitze unmöglich scheint, wenngleich es auch nicht unmöglich ist. Aber das ist Sache der Tagesform. Oder so.

Beim Abendspaziergang mit den Hunden schaue ich meinem Atem zu, wie er sich langsam und voll mit der Umgebung vermischt. Noch immer bin ich recht kurzatmig, muss mich sehr muckelig und gesund einpacken. Noch immer ist meine Lunge nicht ganz fit. Jedoch ist sie auf dem besten Wege, das wieder zu sein.

Manch ein Prozess dauert länger, als früher. Manch eine temporäre Erkrankung heilt langsamer aus, als früher. Manch ein Geduldsfaden ist somit allerdings auch dicker geworden.

Wieder merke ich meinen Schiefstand im Oberkörper. Die Muskeln meckern, sobald ich sie in ihre physiologische Position rücke und drücke. Wer steht da Kopf, denke ich. Oder: wer lässt mich Kopf stehen.

Abends zurück vorm Spiegel. Wie stolz so ein hocherhoben getragener Kopf doch auf so einem geradegerückten Körper aussehen kann. Mein Bewusstsein für mein Haus auf Lebenszeit ist somit wieder einmal geschärft. Denn schief zwickt, schief verspannt. Und schief verzerrt. Auch die Gedanken.

Zum nächsten Frühling, wohl dann auch eher, ist alles wieder im Lot.

Dann bin ich wieder gerade.

Bestimmt.

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