Elterntod.

„Ich bin doch ihr Kind, egal wie alt ich bin. Wieso sehen die das nicht…“

Diese Worte stammen von einer erwachsenen Frau, die ihre Mutter verlor.

Wenn Mutter, Vater, Großmutter oder Großvater sterben, scheint ein Großteil unserer Gesellschaft einen harten Strich zu ziehen, inwiefern man als junger Mensch, also als „Kind“, mehr darunter leiden dürfte und ab welchem Alter man nur noch „Tochter“ oder „Sohn“  ist und das Sterben der alten Eltern eben einfach normal ist.

Irgendwie kontrovers – normal?

Ach, wie schön wäre es, wenn unser Sterben, unsere Endlichkeit, unser Tod und unser Verabschieden, das Trauern und Nachsinnen wirklich als normal gölte, und somit bunt, individuell und emotional unantastbar und nicht zu bewerten wäre.

Doch hier ist man sich wohl einig, großflächig. Ab einem gewissen Alter und im Normalfall (schon wieder…) ist es eben so, dass wir unsere Eltern überleben und uns von ihnen verabschieden müssen. Ob wir wollen oder nicht.

Dass es sich bei den älteren Kindern, also Tochter oder Sohn, um fühlende Menschen handelt, die ebensolche Trauer empfinden, wie jüngere, die ebenso einen schmerzhaften Verlust verarbeiten und eine Zeit vor sich haben, die von Aufs und Abs und geraden Strecken sowie Schlaglöchern geprägt ist, ist eher milchig verwaschen als glasklar.

Muss man dann halt mit klarkommen.

Kürzlich schrieb mir eine Frau eine SMS, deren Mutter ich vor längerer Zeit in ihren letzten Monaten begleitete. Auch für die Familie durfte ich da sein. Mutter und Tochter waren knapp 40 und 60 Jahre alt. Krankheit und Tod kamen plötzlich, innerhalb von Monaten galt es, sich darauf zu besinnen, was für die beiden noch wichtig und wertvoll ist. Die letzten Dinge zu regeln. „Ich will zuhause sterben.“ Klingt so einfach – reicht aber von A wie Abschied bis hin zu Z wie Zeremonie. „Mama, darf ich dich begleiten?“ Welche Musik soll gespielt werden? Gibt’s ’ne Kleiderordnung? „Kommt mir bloß nicht in Schwarz ans Grab!“ Trauerredner: ja oder nein? See- oder Feuerbestattung? Wer soll unbedingt kommen, wer soll bloß nicht erscheinen?

Die Bindung war sehr eng. Machten sie doch mehr als eine ganze Menge gemeinsam durch, in ihren zwei Leben. Sie stützten sich, sie stritten sich, sie vertrugen sich, sie waren Tochter und Mutter. Natürlich wurden beide älter. Jetzt kommt kein „Aber“.

Unsere Eltern sind unsere Wurzeln, unser Ursprung. Wenn unsere Urgroßeltern oder Großeltern sterben, bleiben noch unsere Eltern. Wie sagte mein Papa damals sehr nachdenklich nach der Beerdigung seiner Mutter: „Wir sind dann wohl die nächsten.“ So trocken das nun klingt – auch darum geht es. Mit dem Tod unserer Eltern wird unsere eigene Zeitspanne hier auf dieser Erde sichtbar markiert und abgepflückt.

Ja, so natürlich der Tod ist, so verstörend unnatürlich ist die Unsicherheit, die Abgeklärtheit, die Ignoranz, das Wegsehen und das Vereinheitlichen des Umfeldes. All das kommt hinzu. Es ist nicht nur die Trauer. Es sind nicht nur Sätze wie „Sie / Er war doch schon alt“, „Sie / Er hatte doch ein langes Leben“, „So ist das nun mal“. Nein, es ist das, was dahinter steckt und was daraus resultiert. Das durfte ich mir so oft anhören, als ich um meine Uroma trauerte, die mit 98 Jahren in der Tat plötzlich verstarb. Es gibt sehr alte Menschen, die gerne noch viel älter würden. Natürlich! Andererseits lernte ich junge Menschen unter 30 kennen, die definitiv nicht mit ihrem nahenden Tod haderten, aufgrund schwerer Krankheit und eines intensiven Erlebens des eigenen Weges.

Vergeht mit der Zeit auch die Intensität eines bevorstehenden Abschiedsschmerzes, auf den sich keiner, Niemand von uns, jemals vorbereiten kann? Den wir alle nur ein einziges Mal erleben? Der manchmal so überraschend auf uns einschlägt, wie ein Blitz, eine Ohrfeige und ein Hammerschlag zusammen? Egal, wieviele Abschiede wir schon nahmen, jeder stirbt nur einmal. Alles ist neu. Vielleicht ändert sich der Umgang, die Ansicht auf das Leben und den Tod. Der Schmerz hingegen kann jedesmal auf’s Neue umhauen und aus den Fugen geraten. Vielleicht. Das manchmal Unfassbare, Unvorstellbare geschieht eben früher oder später. Und nur, weil wir älter werden, dürfen andere verlangen, dass wir gesittet, erwachsen, zusammengerissen und bedacht damit umgehen, dass ein geliebter oder auch gehasster Mensch stirbt? Weil wir ja schon „groß“ sind?

Was sagt Dein inneres Kind dazu, wenn Du das hier liest..weint es? Staunt es? Blickt es offen der Tatsache entgegen, den Abschieden? Hast Du sie schon erlebt? Wurdest Du begleitet, geschützt und gestützt, ermutigt, traurig zu sein um richtig trauern zu können und diese Zeit heilsam und GANZ zu durchleben? Durftest Du auch mal „klein“ sein?

Oder wurde Dir nach einigen Wochen oder Monaten gesagt, dass doch nun mal gut sei? Dass die Zeit alle Wunden heilt? Ja, aber: wenn wir doch keine Zeit bewusst dafür erhalten, ordentlich und sauber zu vernarben, was dann?

In meinem ersten Praktikum in der ambulanten Pflege war meine erste Patientin, die wir versorgten, eine Frau Mitte 40 mit MS im Endstadium. Schwerste Kontrakturen, beatmungspflichtig. Die Kinder standen ein ums andere Mal bei uns und schauten liebevoll aber auch ungläubig auf ihre Mutter. „Es dreht sich gerade Alles um. Alles. „. Das war so treffend. Und so traurig. Und real.

Was geschieht mit den Menschen, die tatsächlich niemanden haben, der in genau dieser kritischen, niederdrückenden Zeit da ist, draufguckt, mitgeht, das Gute sucht und sieht und anbietet, die Trauer Stück für Stück individuell umzuwandeln und bewusste Erinnerungen in den Alltag mit einfließen zu lassen, um nicht nur im „Damals“ sondern wieder sicher im „Hier“ zu landen?

Ich wünsche mir, wieder einmal, einen bewussteren, offeneren Umgang mit diesem Thema. Wo keine Floskeln vorgeschoben werden müssen, sondern ein ehrliches „Mir ist das gerade alles zuviel, ich kann damit nicht umgehen“ ausgesprochen wird. Denn auch das ist Bewusstsein: seine eigenen Grenzen zu erkennen, und die der anderen. Sie zu sehen.

So, wie Kinder das übrigens wunderbar beherrschen. Schmerz ist Schmerz, Freude ist Freude. Es kann so einfach sein.

Wenn Trauer nicht aufhören will zu schmerzen, darf man auch mal länger „Aua“ sagen…

Alles hat seine Zeit.

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