Über Selfies.

Dies wird ein Textanfang, der erklärt, dass ich nicht weiß, wie ich diesen Text beginnen soll.

Wie in den letzten Blogs herrscht auch hier immer noch diese Käseglockenatmo. Da ist soviel drin, soviel reifes, vielleicht noch nicht ganz gereiftes, oder überreifes. Das möchte raus, vom Hirn auf’n Tisch, aber es gelingt nicht richtig. Ich werde ihn, den Text, trotzdem gleich veröffentlichen.

Alles braucht seine Zeit. Floskel Nummer eins, die aber neben ihrem Floskeldasein auch verdammt arg wahr ist.

Alles hat seine Zeit. Floskel Nummer zwei. Und: Siehe oben.

Ich für mich nehme keine „guten Vorsätze“ mehr mit in ein neues Jahr. Wo manche Menschen vielleicht ein total durchgetaktetes Kalenderjahr vor ihrem inneren Auge sehen, sind bei mir Stunden, Tage, Monate…die irgendwann ganz sanft und blass ausfedern.

Sie hören nicht abrupt auf, aber ich bin dann doch eher hier, als in zehn Jahren unterwegs.

Okay. Vorsätze für 2016 sind also nicht der Rede wert.

An meinem Verhalten fiel mir allerdings etwas auf, das ich ändern möchte. Nein, also, das ich bereits änderte und laufend ändere.

Was in meinem Job gut gelingt und absolut notwendig ist, scheint mir im Privatleben ab und zu stark in die Hacken getreten zu sein.

Ich hielt mich immer für tolerant und offen, neutral, vorurteilsfrei, bodenständig und geduldig.

Das, was ich gegenteilig meine, kann man gut und gerne als Bewerten, Abwerten und Ver(vor)urteilen bezeichnen. Im kleineren Stil, okay. Aber auch solche Verhaltensweisen haben Auswirkungen. Wimpernschlag und Welle…oder wie war das?

Auf Instagram sieht man sie noch öfter, als auf Facebook: Duckfaces. Mädels, oder auch Frauen (oder Männer), die mit geschürzten Lippen und eventuell einem noch verzogenem Gesicht ein Selfie machen oder sich mit anderen so fotografieren.

Hab ich auch mal gemacht.

Plötzlich war ich genervt von diesen scheinbar sinnfreien, inhaltlosen 08/15-Fotos. Das muss ich gar nicht weiter ausschmücken. Es ging mir so, so auf den Zeiger.

Ebenso das Nonstop-Teilen von puren Katastrophen. Oder aber auch die, die sich darüber beschweren, dass Menschen sich mit schwierigen Themen eben auseinandersetzen und nicht wegschauen.

Wie gegensätzlich. Was genau piekste mich da? Warum?

Bis ich diese Fragen beantworten kann, kann es dauern. Fakt ist, dass die Inhalte unserer Leben wohl grundverschieden sind, so sehr sie sich vielleicht auch ähneln oder manchmal kreuzen, berühren, sich abklatschen.

High Five, Sein!

Natürlich glaube ich nicht, dass ich den Zustand, von eigentlich völlig harmlosen Dingen oder Situationen oder Menschen genervt zu sein aus meinem Gefühlsleben verbannen kann. Das wird blasser, oder ich cooler. Oder eben toleranter.

Wenn andere diesen Punkt weit vor der 30 erreicht haben: herzlichen Glückwunsch. Ich dachte auch, ich sei schon weiter. Aber ohne eine 20 kann man keine 30 werden…und ohne (m)eine 32 keine…das Recht auf Leben als Prozess.

Wunderbar.

Ein Mensch, der jeden Tag um Unterstützung für in Not geratene Lebewesen bittet, hat eben genau das gleiche Recht darauf, wie ein Mensch, der zehn Selfies am Tag inklusive Duckface von sich ins Netz stellt.

Das scheint eine veralterte Erkenntnis zu sein, denkst Du vielleicht.

Dachte ich auch. Sind wir doch alle so tolerant. Und doch pieksen sie, die genervten Anteile in uns. Verurteilen, bewerten, werten ab. Wenn auch im kleinen Stil, vermeintlich.

Ich habe meine Einstellung dazu geändert.Der Selfiefrau sind ihre Selfies wichtig. Vielleicht sind sie sogar ihr Lebensinhalt. Gestern, heute und morgen. Vielleicht ebenso die Katastrophenfrau, die auf diesem Wege etwas tun will, aktiv sein möchte, sich gebraucht und nützlich fühlt. Eventuell lernen sie sich kennen, tauschen sich aus, die scheinbare Oberflächlichkeit und der Tiefgang. Und lernen voneinander.

Oder auch nicht. Auch gut, wirklich.

Wenn Jemand andere allerdings so bewegt, dass sie das Gleichgewicht und das Gefühl für sich selbst verlieren, achte ich jedoch noch stärker auf mein Gepiekse, als sonst. Eiskalt umschubsen gilt nämlich nicht.

Nun düst mir der Spruch „Aufstehen, Krone richten…“ in den Kopf und ich möchte reihern. Auch den kann ich nicht mehr so ganz vorurteilsfrei lesen. Ich eben. Andere schon. Selbst mit hochgehobenem Moralapostelzeigefinger. Und das ist völlig okay.

Wirklich.

Hätte und würde. Eventuell und mit wahrscheinlicher Sicherheit ecke ich mit den Frischbuchstaben, mit meiner plötzlichen Schal-Stricken-Sucht, meinen Hundefotos und der Offenheit auf meine Krankheit bezogen genauso bei anderen an, wie die Selfiefrau es bei mir tat.

In diesen mitteilungsbedürftigen Momenten schicke ich pure Selfies um die Welt, nur in anderen Kostümen.

Das ist so okay. Und auch eben so egal; wenn wir selbst stehenbleiben können, uns Raum geben und strahlen, die Schnüss verziehen.

Ohne andere umzuschubsen.

 

 

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