Als ich plötzlich nicht mehr fror.

Hm…es grummelt und brummelt in meinem Bauch, im Kopf und das Herz klopft stark. Zum Glück klopft es. Ich möchte, nachdem das Thema Suizid diese Woche mehrfach in unterschiedlichster Art und Weise in meine Nähe flatterte, darüber schreiben.

Wenn mich Menschen darauf ansprechen, wie stark und positiv ich durch meine eigene Lebensgeschichte gehe, freue ich mich. Einerseits. Andererseits denke ich: „Es gibt auch immer ein davor„.

Mittlerweile glaube ich, dass ich meinen Beruf so sehr liebe, weil ich Menschen in Lebenskrisen nicht nur verstehe, sondern weil ich sie in der Tat wirklich verstehe. Auch, wenn jedes unserer Erlebnisse einzigartig ist, im Geschehen, im Fühlen, Begreifen, Verzweifeln, im Perspektiven suchen und hoffen, im Hoffnung verlieren oder neue Hoffnung schöpfen…wir all diese Dinge im Endeffekt alleine durchlaufen, gibt es da ein Band, was in einer Begleitung sehr dazu beitragen kann, Empathie zu leben.

Ich erinnere mich an eine Phase meines Lebens, die über einige Monate mal stärker und mal schwächer auftrat. Meine größte Beruhigung war in jedem dieser Momente, dass mich Niemand dazu zwingen kann, dieses Leben weiterzuleben. Es gibt immer „die“ Option. Es gibt immer „diesen“ einen Ausweg. Dass es eben diese Tür nach nebenan gibt, die ich auch selbst öffnen könnte, wenn mir dieser Lebensraum hier nicht mehr behagt. Ja, das war damals meine Beruhigung.

Meine inneren Räume trugen fleckige, dunkle Tapeten. Allesamt. Mir war ständig kalt, egal zu welcher Tages- oder Jahreszeit. Ich habe nie versucht, mir das Leben zu nehmen. Ich habe jedoch in dieser Zeit mehr als einmal ernsthaft darüber nachgedacht und Gedanken gehegt, die mir noch lange Zeit danach Magendrücken bescherten.

Jetzt sitze ich hier, sprach vorhin noch mit einem Freund, der erst diese Woche Jemanden überraschend verlor, über Suizid und suizidale Gedanken. Über das Ammenmärchen, dass das drüber reden diese Gedanken oder Sehnsucht verstärkt. Darüber, dass Sätze wie „Denk doch an Deine Familie!“ nichts bewirken können, weil betroffene Menschen Zuwendung benötigen, keine Vorwürfe oder erhobenen Zeigefinger.

Wieviele von uns wohl schon Gedanken hatten, wie „Ich kann nicht mehr“, „Ich mag nicht mehr“, „Mir wird das alles zuviel“, „Wie geht es nur weiter“? Meine Behauptung: eine ganze Menge.

Ich habe einige Menschen begleitet, die, nachdem sie über ihre Gedanken, vom Leben müde zu sein, nicht mehr zu können (für das Wollen fehlte das Können), offen mit mir sprachen, sagten, dass nach diesem Aussprechen eine starke Erleichterung da sei.

Warum?

Naja, warum hat es mich erleichtert, eines Tages völlig ungeschönt mit einer Gesprächstherapeutin über diese Gedanken reden zu können? Weil mir keine Moralpredigten oder Vorwürfe, ein „Wie kannst Du nur?“, „Das darfst Du nicht einmal denken!“ oder andere Be- und Abwertungen entgegenschlugen. Sondern Verständnis für meine Situation, meine Leere und Hilflosigkeit. Weinen ging nicht mehr. Wut war irgendwann auch vergriffen.

Wenn man plötzlich Jemanden an seiner Seite weiß, bei dem man etwas aussprechen kann, das so unheimlich schwer wiegt, das dafür sorgt, dass sich die Blicke und Gesichtszüge der anderen durch ein einziges Wort um 180° drehen, das mit dem zu tun hat, was in unserer Gesellschaft ein Tabu ist, nach wie vor, dann birgt das Alternativen in sich.

Denn: Auf einmal weihe ich Jemanden ein. Ich öffne mich, ich schleppe diese Lebensmüdigkeit nicht mehr mit mir alleine herum, kann mich anvertrauen, etwas davon abgeben.

Ich setzte mich in Bewegung und bat quasi um Hilfe:

„So geht es nicht mehr, ich will das anders.“

Nicht:

„Hallo. Ich will sterben.“

Mir wurde geholfen, nach Lösungen zu suchen und Ziele, Wünsche und Perspektiven zu formulieren. Das bewirkte, dass ich das Leben wieder als Prozess sah und fühlte, nicht mehr als Stillstand. Es fand ein Tapetenwechsel statt. Meine Gefühlswelt veränderte sich. Meine Fähigkeit, empathisch zu sein und mich mit anderen zu freuen, oder mit ihnen zu weinen kroch wieder hervor.

Allerdings passierte das alles später. Kleinigkeiten mussten wieder geordnet und erledigt werden. Der Alltag fand langsam aber sicher wieder statt.

Und mir wurde endlich wieder warm.

Davor: An manchen Tagen war es mir zuviel, aufzustehen und in die Küche zu gehen, um mir einen Tee zu machen. Ich fühlte mich, als hätte sich meine Seele von meinem Körper abgekoppelt.

Auch davor: Einige Zeit war es mir absolut unmöglich, mich um andere zu kümmern. Wie auch? Konnte ich mich nicht mal mehr selbst fühlen, ertragen. Ich sah in diesen Monaten nur die Alternative des Raumes nebenan.

Das Alles ist schon eine ganze Weile her. Und passierte zeitgleich mit vielen anfänglichen, mich total verunsichernden und beängstigenden MS-Symptomen. Ich lernte, nach vorne zu gucken. Ich lernte, mit meinen körperlichen Schmerzen und beginnenden Defiziten umgehen zu können. Ich lernte, „Nein“ zu sagen, Grenzen zu setzen und Wünsche zu formulieren. Ich traf auf Ärzte, die mich und meine Beschwerden ernst nahmen, die mir zuhörten und mir versicherten, dass ich mir meine körperlichen Schmerzen nicht einbildete.

Vor allem lernte ich, dass reden hilft. Und reden Leben retten kann.

Heute höre ich zu, wenn Menschen reden; darüber reden. Ich nehme sie ernst, ich verurteile sie nicht oder stecke sie in eine Schublade. Ich helfe, Alternativen zu finden und zu erkennen. Teile Sorgen, Nöte, Ängste. Kann so helfen, genau diese vielleicht sogar zu halbieren, aufzudröseln. Welcher Mangel ist da, welcher Überschuss? Was passiert da gerade? Das bedeutet, ein Sparringspartner zu sein, der in den fiesesten Stürmen des Lebens wie ein Baum an Deiner Seite steht. Der Sturm aushält, der auch flexibel mitgeht, aber nicht untergeht. Der handlungsfähig ist, wenn Du Dich nicht mehr bewegen kannst. Und der Dir hilft, wieder warme Füße zu bekommen.

Ich möchte mit diesem Text darum bitten, genauer hinzuschauen, zu reagieren und es nicht zu ignorieren oder zu leichtfertig bewerten, wenn Jemand vom Leben müde ist und darüber nachdenkt, sich umzubringen.

Vertraut sich Dir dieser Mensch an, handle. Selbst wenn Du dann an Jemand anderen vermittelst, hilfst Du. Gehe nicht darüber hinweg, sieh es als eine Art Geschenk an, dass der- oder diejenige gerade Dir diese belastenden Gedanken anvertraut.

Natürlich entscheidest Du, wie weit Du gehst, inwiefern DU helfen willst und kannst. Unterstützung hat viele Gesichter. Und sei es das offene, aktiv zuhörende und vorurteilsfreie Ohr. Nimm diesen Menschen an die Hand und suche nach Alternativen zum Raum nebenan.

Ja, soetwas kann für Wärme sorgen.

Und Leben retten.

 

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