Über Dicke und Dumme.

Es gibt verschiedene Geschmäcker, über die lässt sich bekanntlich und glücklicherweise nicht streiten.

Wofür mir jedoch jegliches Verständnis fehlt, ist, weshalb Menschen sich vermeintliche Schwächen, Ecken und Kanten anderer als Zielscheibe aussuchen und sie angreifen.

Ich für meinen Teil bin noch nie auf Jemanden zugegangen um ihm zu sagen, dass mir seine Nase, seine Jacke, seine Art zu atmen, das Essen auf seinem Teller, seine Figur oder die Handtasche nicht gefallen.

Anscheinend können einige Menschen das sehr gut: Meckern, lästern, Schwächere niedermachen. Wie wäre es denn mal mit dem Gegenteil: Komplimente machen, das Gute sehen, Mut zusprechen, sich mit anderen freuen?

Im Gegensatz zu den entwürdigenden Gesten und Taten bringt dies nämlich viel Gutes mit sich: Selbstbewusstsein, Wertschätzung, Mut, Freude. Oder nicht? Mir ist jedenfalls kein Fall bekannt, in dem Jemand in einer Seelenschmeichlerei erbärmlich und niedergeschlagen ertrunken ist.

Vor einigen Tagen lief ich so durch die Gegend und mir kam ein älteres Ehepaar entgegen. Ich trug an diesem Tag eine Jeans, auf die ich verdammt stolz bin. Anders erklärt: stolz darauf, sie tragen zu können. Enger sitzend, Kniepartie leicht zerrissen, Stretchanteil.

Verfechter der Theorie, dass sich dicke Menschen in Zelte hüllen müssten und Leggins nur bis Kleidergröße 38 zum Verkauf stehen dürften, traf ich in den Wochen meiner Körperveränderung öfter. Mir waren die Blicke und hochgezogenen Augenbrauen bis dato egal.

Auch in der Zeit, in der ich nur noch Hosen mit geradem, also sehr breitem Bein trug (bis Anfang Januar Hosengröße 54, jetzt bin ich bei einer 50, die am Bauch schon minimal schlabbert), erlebte ich viele Anfeindungen, die ich irgendwann aber einfach nicht mehr wahrnahm. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere an meinen Text „Einfach machen“, in dem ich darüber schrieb, wie ich mich fühlte, nach zehn Jahren endlich mal wieder zu schwimmen.

Also. Ich lief so durch die Gegend, als der Mann zu seiner Frau sagte: „Guck mal, die ist so dick, da platzen schon die Klammotten aus allen Nähten.“ Sie lachte laut, sagte irgendwas. Mein Magen drehte sich um, ich entschied mich dazu, aber nicht einfach vorbeizugehen.

Ich lief gerade auf die beiden zu (trugen Sonnenbrillen) und stellte mich entspannt guckend vor sie. Das alleine sorgte schon für herunterfallende Mundwinkel. Eventuell senkten die bisherigen menschlichen Angriffsflächen die Köpfe, schauten traurig oder erschrocken und gingen weiter.

Nö. Einfach nö. Ich stand also vor ihnen und schaute sie an. Ich starrte seelenruhig auf die Sonnenbrillen. Nach einigen Sekunden ging ich weiter, absolute Stille.

In meinem Bekanntenkreis gibt bzw. gab es Menschen, die kein Treffen, keine Verabredung vergehen lassen können, ohne nicht von A-Z jeden aufs Korn zu nehmen, den sie kennen. Da fahre oder gehe ich abends heim und bin vollgestopft mit negativem Meckerfutter, frage mich, was daran jetzt schön war und ob mein Gegenüber sich wirklich besser damit fühlt, zwei bis zehn Menschen in meiner Gegenwart durch den Kakao gezogen zu haben, anstatt die Probleme am Ort des Geschehens anzusprechen und…oha…zu lösen.

Dass einige Menschen so sind, war schon immer so und wird wohl auch immer so bleiben.

Jedoch kann man sich, wenn man betroffen ist oder dazu neigt, sich diese dämliche Art und Weise, wie ich, zu Herzen gehen zu lassen, entscheiden, wie man handelt. Man muss den Kopf nicht senken. Man muss nicht einfach weitergehen. Man muss sich das nicht gefallen lassen. Man muss gar nichts.

Auch wie man reagiert, bleibt einem selbst überlassen. Leider bin ich nicht sonderlich schlagfertig in solchen Situationen. Auch neige ich dazu, mich zu verrennen und Dinge diskutieren zu wollen, die bei solchen Menschen nicht mal mit dem ersten gesagten Wort ankommen. Die wollen sowas nicht hören, wie „Hören Sie, Sie fieser Kerl. Ich mache seit Monaten Sport. Ich arbeite, mit vielen Defiziten im Rucksack, an meinem Wohlfühlgewicht und nehme mich endlich mal wieder selber wahr. Sitze nicht mehr auf nur mit einem Buch oder vor der Flimmerkiste auf der Couch rum, abends, sondern tue mir selbst etwas Gutes.“

Das kommt nicht an. Jede Wette.

Und dieses „Nimm‘ es Dir doch nicht so zu Herzen“ ist auch schwieriger, als es dahergesagt ist. Bevor mein Kopf realisiert, was da gerade aus dem fremden (oder auch bekannten) Mund stolperte, rummsen Herz und Magen schon in die Unterbuchse.

Allerdings bin ich auch der festen Meinung, dass die mich, und ihren Angriff auf meine Äußerlichkeiten, nach spätestens zehn Minuten wieder vergessen haben. Da wird nicht beim nächsten Kaffee im Straßencafe über die dicke Frau im knallroten Parker mit der zerrissenen Jeans und den Erdbeerschuhen gesprochen.

Doch wenn dies hier Jemand liest, der sich wunderbar menschliche Schwächen, charismatische Ecken und einzigartige Kanten eines anderen Menschen herauspicken muss, um einen schönen Tag zu erleben, sage ich ihm:

Du bist ein sehr, sehr armer Tropf.

In diesem Sinne wünsche ich Euch einen wunderbaren Abend vollgestopft mit Selbstliebe, Achtsamkeit und wirklich heilsamen Frustventilen.

 

 

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Ein Gedanke zu “Über Dicke und Dumme.

  1. Meiner Erkenntnis nach haben Projektionen, Bewertungen, Vorurteile und Herabürdigungen ggnüber Anderen immer mit dem Bestreben der Selbsterhöhung bzw -stabilisierung zu tun.

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