Programm: Leid live.

Es lohnt sich immer, eine Hand auszustrecken. Mindestens eine.

Egal, wie groß Leid ist, egal, wie klein es scheint. Vergleiche bringen ebenso wenig, wie Ignoranz. Und doch, so kommt es mir vor, gibt es so einige Größenwahnsinnige unter uns, die so erfolgreich die Augen vor der Realität verschließen, als besäßen sie weder Herz, Verstand, noch Augenlicht.

So geschieht es doch tagtäglich, dass Menschen, die sich gegen ein Leid, welches sie erfahren, wehren, einen Stempel aufgedrückt bekommen, anstatt der erwarteten Hilfe.

Stell Dir vor:

Du erhältst eine schlechte Nachricht nach der anderen. So ein typisch gefühlter Montag vielleicht. Rechnungen flattern ins Haus, das Auto geht kaputt. Du knickst auf dem Weg zum Bus um und Dein Joghurtbecher läuft in der neu erstandenen Tasche aus. Deine Freunde sagen die abendliche Verabredung ab. Als Du ins Bett gehst, beginnt Dein Hals zu kratzen – scheiße, erkältet. Der letzte Blick geht auf Dein Handy, welches wohl einen defekten Akku hat, denn der weigerte sich in den letzten Stunden erfolgreich, sich aufladen zu lassen.

Als Du am nächsten Tag gefragt wirst, wie es Dir geht, erntest Du ein „Komm, stell Dich doch nicht so an. Da gibt’s doch viel Schlimmeres, hm?“.

Vielleicht…oder: mit Sicherheit. Aber auch solche gehäuften und vermeintlichen Kleinigkeiten tragen ihren Teil zum „Alles scheiße“-Gefühl bei.

Ich verstehe Dich.

Stell Dir vor:

Dein Telefon klingelt und Dein Hausarzt höchstpersönlich ist dran. „Kommen Sie morgen bitte in meine Praxis, wir sollten uns über Ihre Blutergebnisse unterhalten“. Was kriecht Dir da den Rücken hoch? War es nicht erst gestern die Sorge um einen nahestehenden Menschen, der um seine Gesundheit bangt? Nun sitzt Ihr im selben Boot. Deine Gedanken ruckeln sich mutig zurecht, um im nächsten Augenblick mit Anlauf doch wieder auf ein eher heikles Thema zu springen: die Arbeit. Gibt es nicht schon genug Probleme mit denen von oben? Die, die ihre letzten Jahre absitzen und unterirdisch wenig Wert auf das legen, was einen wahren Teamgedanken ausmacht? Jetzt steht eine mächtige und düstere Wand im Raum, die ein Statement-Shirt mit dem grellroten Aufdruck „Todesangst“ trägt.

Als Du einer Bekannten von dieser Situation erzählst, erntest Du ein „Nun warte es doch mal ab. So schlimm wird es schon nicht ausgehen.“

Vielleicht…oder: die Wahrscheinlichkeit ist eher gering. Todesangst steht nicht auf Sprüche wie „Würde, hätte, könnte, vielleicht und wollen wir doch mal sehen“. Die macht einfach.

Ich verstehe Dich.

Stell Dir vor:

Du lebst in einem Land, das jetzt gerade in dieser Sekunde unter Bombenhagel und Anschlägen steht. Du erlebst mit, wie Deine Familie um ihr Leben bangt. Euer Haus liegt in Trümmern und Ihr besitzt nur noch das, was Ihr am Körper tragt. Auf dem Weg durch die Straßen, auf der Suche nach Verstecken blendest Du diese Panik und diesen Horror so gut es geht aus, konzentrierst Dich darauf, Euch Meter für Meter in Sicherheit zu bringen. Stop and go. Ein paar Meter laufen, umschauen, sind alle beieinander? Wieso fehlt Jemand? Wo ist…? Keine Zeit mehr, Ihr müsst weiter. Um Dich herum passieren minütlich Morde. Es knallt und donnert unbeschrieblich laut. Es ist Tag und doch stockdunkel. Menschen schreien. Kinder werden in Stücke gerissen, Eltern halten die Überreste Ihrer Lieben in den Armen, und laufen in diesen Sekunden selbst Gefahr, zu Todesopfern zu werden. Diese Gefahr gehen sie ein. Denn sie nehmen Abschied. Auf die furchtbarste, unwürdigste und grausamste Art und Weise, auf die sich ein Vater oder eine Mutter vom eigenen Kind verabschieden kann.

Als Du es nach Monaten geschafft hast, an einem sicheren Ort anzukommen und Deine Geschichte erzählst, erntest Du eine hochgezogene Augenbraue, ein „Ah..ja? Das klingt schlimm. Oh, Mann.“ Gleichzeitig wirst Du von oben bis unten gemustert, während sich dieser Mensch über die Macke in seinem neu gekauften Nike-Sportschuh aufregt, flucht, und wie wild auf seinem Handy herumtippt, um eine Beschwerdeemail an den Onlinehändler zu verfassen, der ihm diese Schuhe angedreht hat.

Du stehst einfach nur da. Trägst zum Teil noch immer die Kleidung, die Dich an all das Erlebte erinnert. Du wirst, sobald es irgendwo knallt oder Du Schreie hörst, in die Zeit zurück katapultiert, die Dir nach dem Leben trachtete. Vielleicht denkst Du: „Er hat es gut. Er ärgert sich über kaputte Schuhe. Es ist gut, dass er sich, vielleicht, nur darüber aufregt.“ Und weinst, bekommst eine Gänsehaut, fängst innerlich an zu zittern und schreist leise nach Deinen Lieben, die Du Kilometer für Kilometer vollständig zurücklassen musstest.

Dort, wo Du zuerst eine Unterkunft fandest, herrschte Ungewissheit, Enge und Angst. Alles war neu, ungewohnt. Die Sprache, die Menschen, die Erwartungen an Dich und die anderen hilfesuchenden Menschen. Bevor Ihr auch nur im Ansatz damit beginnen konntet, das Geschehene zu begreifen, schlug Euch Hass, Unverständnis und Ablehnung entgegen.

Lieber Mensch, der Du nun hier bist, hör‘ her.

Ich habe soetwas unvorstellbar Schreckliches noch nie durchlebt. Ich verfolge es in den Nachrichten, frage mich, ob all die Vollidioten, die gegen flüchtende Menschen hetzen, Unterkünfte anzünden und sich dafür aussprechen, zu den Organisationen zu halten, die menschenverachtender nicht sein könnten, überhaupt Lebe-Wesen sind. Die gleichzeitig liebend gerne Actionfilme im Kino sehen und anfangen zu heulen, wenn der Terminator eine Schraube verliert. Ich weiß aktuell noch nicht, wie man mehr Empathie unter die Menschheit streuen kann. Ich weiß nicht, wie Du Dich fühltest und fühlst. Ich darf nicht sagen, dass ich all dies nachvollziehen kann. Weil mir ein solches Leid fremd ist. Aber:

Ich verstehe Dich.

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s