Liebe das Älterwerden.

Früher fiel es mir leichter, mir Dinge, die mich belasten, einfach ganz ohne Hin- und Herdenken von der Seele zu schreiben.

Im Hier und Jetzt, und auch bereits im etwas älteren Hier und Jetzt, kommt immer öfter das Gefühl auf, dass es mir einfach nicht mehr völlig egal ist, was andere über mich denken.

Warum?

Nicht weil es um ein Profilieren oder ständige Schulterklopfer und Worte voller Lob geht. Nein, wirklich…nein.

Sondern es ist mir wichtig, was mir wichtige Menschen denken. Was bei ihnen wie ankommt. Wie sie auf gewisse Dinge reagieren. Ob ich sie vielleicht überfordere. Ob ich es schaffe, schwierige Themen leichtfüßig und gut verdaulich rüberzubringen, ohne den Kern des Schwermütigen zu unterdrücken oder zu beschönigen.

Gerade bezogen auf meine Arbeit als Sterbeamme gelingt mir das meistens. Weil ich es schaffe, mich auf andere Menschen und ihre Grenzen einzulassen und sie zu respektieren. Begleiten und unterstützen, nicht bestimmen und maßregeln.

Aber wenn es um meine MS geht, stoße ich selbst oft an meine Grenzen.

Die Frage „Wie geht es Dir?“, und sei sie noch so ernsthaft interessiert gestellt, kann ich nicht mehr so mir nichts, dir nichts beantworten. Wobei: ich könnte das schon. Nur würde ich mich dabei fühlen, als würde ich meinem Gegenüber einen prall gefüllten Abfalleimer über dem Kopf entleeren.

Also dosiere ich Informationen gezielt, erzähle manches gar nicht so ausschweifend. Und vor allem erzähle ich nur noch selten von mir aus drauf los.

Wenn Schweigen Gold ist, habe ich bisher immer strikt bei Silber aufgehört, eine Medaille einzuheimsen.

Ich kommuniziere gerne, ich liebe es, mich mit anderen auszutauschen. Zu lernen und andere Perspektiven kennenzulernen.

Und ich schätze, das wird auch noch in 50 Jahren so sein. Nur anders als früher. Ohne meine letzen 33 Jahre wäre ich heute keine 33 Jahre alt. Von daher ist es wohl in Ordnung, wenn sich mir Dinge jetzt erst erschließen, die für andere völlig normal zu sein scheinen. Auch da will ich lockerer werden.

So gerne ich mich austausche, so gerne bin ich auch mit mir allein. Und nicht nur mal einen Tag, oder eine Woche. Mir reicht es völlig aus, mit meinen Hunden zu sein, Kontakt zu meinen engen Freunden zu pflegen und ich wehre mich mittlerweile regelrecht dagegen, privat zu telefonieren. Lustigerweise gibt es ein, zwei Menschen in meinem Freundeskreis, die es genauso doof finden – mit denen es aber meist mindestens zwei Strippestunden werden, wenn man sich denn mal gegenseitig anruft.

Bis Anfang 20 waren Sonntage für mich der Horror. Fast alle waren müde vom Samstag, wollten nur chillen oder nicht einmal das. Ich war permanent unruhig und bin dann einfach alleine auf und davon. Irgendwo hingefahren, wo was los war.

Heute glaube ich, dass ich so lange nicht mit mir allein sein konnte, weil der Bammel da war, mich mit mir selbst intensiver auseinanderzusetzen.

Spätestens mit der MS, mit der Krankheit meiner Mutter und dem Umzug in den Norden hat sich das komplett geändert.

Für manch einen ist es zuviel der Offenheit. Nur kommt für mich ein Unterdrücken, Runterschlucken oder das Verschieben der Klärung eines Konfliktes nicht mehr in Frage. Wenn ich früher jahrelang hinter Menschen herlief, fast schon um gemeinsame Zeit bettelte, akzeptiere ich es heute sofort, wenn Jemand seine Ruhe haben will.

Allerdings kommt ein Hinterherlaufen im Sinne von einseitiger Freundschaftspflege für mich auch nicht mehr in Frage. Dass immer ein gewisses Ungleichgewicht von Geben und Nehmen da ist, ist in Anbetracht unserer verschiedenen Lebenssituationen und zeitweisen -krisen total klar.

Aber eine Freundschaft oder Sympathie erbetteln? Ach, nein.

Älter werden ist wirklich gut.

 

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