Rehaugen.

Ich laufe.

Dieser Fakt ist so hinreißend wie umwerfend und eigenartig befremdlich.

Warum? Wie fing das an, dass ich den Weg zurück zu mir endlich in Angriff nahm? Und was hat den KLICK-Moment in mir ausgelöst?

2014 habe ich mich Hals über Kopf und doch auch sehr, sehr stetig in einen Mann verliebt. Wir schrieben über eine ganze Weile, bevor wir uns trafen. Alles war okay.

Am Tag nach dem Treffen nicht mehr so ganz, für meine Welt. Denn die brach kurzerhand zusammen.

Mir wurde gesagt, ich sei innerlich wunderschön. Allerdings käme er mit meinem Äußeren nicht klar, so gar nicht.

„Wenn Du äußerlich annähernd so schön wärst, wie innerlich…“ solche Sätze hörte ich so oft. So verdammt oft. Wie verletzend, wie oberflächlich, wie ehrlich.

Wusch.

Meine Fassade des „Ich bin zwar dick und wiege 130kg, aber es geht mir voll gut und es kommt nur auf die inneren Werte an, egal, wie es mir geht…ach, ich vergaß…es geht mir ja gut…“-Gesabbels bröckelte.

Damals schon hatte ich meine Freundin Bibi an meiner Seite. Vollsportfreak und fit in allen Belangen rund um Fettabbau, Ernährung und Muskelaufbau.

In besagtem Jahr begann ich ganz langsam mit Nordic Walking und Schwimmen. Alles andere hätten meine Gelenke gar nicht mitgemacht.

Letztes Jahr stagnierte dieser sportliche Ehrgeiz etwas.

Im Dezember gab es eine ähnliche, auf Männer bezogene, Situation, und in diesem Jahr erneut. Plötzlich stellte ich mich auf den Kopf und vor den Spiegel. Und dachte: „Ja, verdammt. Die haben Recht! Das bin nicht ich. Dieser hibbelige, lebensfrohe, mutige und strahlende Mensch ist verborgen unter Rollen und Bergen von Fett.“

K L I C K.

Ich laufe. Mittlerweile viele, viele Kilometer am Stück. Zurück zu mir selbst. Meine  Ernährung ist auch endlich nahrhaft und bringt mir etwas, tut etwas für mich.

Die größte Verantwortung, mich auf die Sonnenseite des Lebens zu ziehen, trage ich selbst.

Dem jungen Mann, der mich 2014 mit seinen unfassbar geilen Augen so um den Verstand brachte, schrieb ich ein von Herzen ehrlich gemeintes Dankeschön.

Ich habe bislang etwas mehr als 30 Kilogramm an Gewicht verloren, folgen sollen noch mindestens 20. Das Laufen macht meinen Kopf frei. Wenn ich Tage dazwischen habe, an denen ich pausiere oder ich es körperlich wirklich nicht schaffe, werde ich zickig und grummelig, unruhig und unzufrieden.

Ein gutes Zeichen.

Ich lerne und genieße es, Komplimente anzunehmen. „Du hast ja richtige Rehaugen“.  Ja, mittlerweile. Wieder.

Vor dem Spiegel stehen bleiben, mich selbst anschauen, anstatt schnell an ihm vorbeizuhechten, auch das ist mein Weg. Mein Prozess.

Ich kann meine Beine übereinanderschlagen, passe wieder in Eisdielenstühle und Wartezimmersessel und habe sogar seitlich noch Platz darin, kann Menschen umarmen, ohne dass sie sich verrenken müssen. Werde von Woche zu Woche beweglicher und fröhlicher.

Nun laufe nicht mehr davon, wenn eine Hürde auftaucht. Ich laufe zu ihr hin. Und versuche, sie zu überwinden.

Das dauert manchmal ein wenig, und das darf es auch.

Gutes braucht Zeit.

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Ein Gedanke zu “Rehaugen.

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