Bevor du gehst.

Hey du,

ich sehe dich.

Du bist müde. Müde und erschöpft von diesem Leben.

Dieser Tunnel der kein Ende zu nehmen scheint, ist fast schon wie ein Schutzmantel geworden. Du weißt, dass er, je tiefer du in ihn hineindringst, dich immer fester umschlingt.

Wenn die Sonne scheint und alle anderen sich freuen, fühlst du dich noch schlechter. Sie sagen dir, du sollst dich freuen. Weil die Sonne scheint.

Dabei werden deine Füße und Hände mit jedem Sonnenstrahl kälter.

Sie stellt das genaue Gegenteil von dem dar, was du fühlst und was du bist. Um den anderen nicht noch länger Sorgen und Kopfzerbrechen zu bereiten, verziehst du deinen Mund zu einem Lächeln.

Aber deine Augen haben sich schon vor längerer Zeit im Winter verloren.

Sie sehen es nicht. Sie sagen dir, dass du gut aussiehst. Sie merken nicht, dass diese Worte die Wucht einer Ohrfeige besitzen.

Eigentlich weißt du nicht einmal mehr genau, was oder wer du bist. Der Alltag ist eine Herausforderung geworden. Er ist kein Alltag mehr. Alltag geht anders, du wurdest verschluckt, von allem zuviel, von so vielem zu wenig.

Die Emotionen übermannen dich an einigen Tagen so extrem, dass dein ganzer Körper ein einziger Schmerz ist. Ein unbeschreibbarer Schmerz ohne gefühltes Gefühl.

Druck von außen, Zerreissen von innen.

An anderen Tagen ist da nichts mehr. Kein Gefühl. Nur machen, funktionieren, ab und zu mal atmen, schlafen.

Und weinen, wenn es ein guter schlechter Tag ist. Dann rollen auch mal Tränen, aber das ist selten geworden. Wenn sie rollen, werden dir Taschentücher und Floskeln gereicht. Wissen sie denn nicht, wie erleichternd das ist, das Weinen? Wissen sie denn nicht, dass diese Entlastung sogar neue Energie gibt?

Sie wissen es nicht.

Und du versuchst zu leben.

Nichts fühlt sich passend und richtig an. Weder die Kleidung, noch die Umstände. Du wünschst dir, dass sich alles auf natürlichem Weg regelt. Dass auf der anderen Seite dieser riesigen und unbezwingbaren Tür Jemand steht, der sie für dich öffnet, diesen unaushaltbaren Druck löst und dir ein Gefühl von frei sein gibt.

Sich falsch fühlen, nutzlos fühlen, unverstanden fühlen, als Störfaktor fühlen, aus der eigenen Haut fahren wollen, von morgens bis abends, innerlich beginnen, stumme Schreie abzugeben, vom Aufwachen bis zum Einschlafen, überlegen, wie man all dies beenden kann.

Du hast ab einem gewissen Zeitpunkt aufgehört, ihnen von deiner Qual zu berichten. Alles bewegt sich, alles ist wie eine Wiese, die sich im Wind hin und her wiegt. Inmitten dieser Wiese liegt ein kleiner Stein, fast gänzlich unter den Grashalmen versteckt. Fern vom Licht, fern der guten Luft. Er ist unfähig, Wärme zu speichern, geschweige denn, welche abzugeben. Wie auch…wenn sie fehlt.

Da brennt nichts mehr.

Hey du.

Ich sehe dich.

Ich kann die genaue Situation nicht nachempfinden, in der du steckst. Feststeckst. Doch ich kann sie nachvollziehen, so annähernd, wie möglich.

Auch ich lag an solch einem Punkt. Ein abgekapseltes Etwas ohne jegliche Möglichkeit, Wärme zu speichern oder zu geben. Andere Schicksale zogen an mir vorbei. Alles bewegte sich mit dem Wind, hin und her. Ich lag still in meiner Grube, die immer schlammiger, kälter und stiller wurde.

Da brannte nichts mehr.

Ich kann dir nicht genau sagen, was mich wieder in Bewegung brachte. Ich kann dir nicht genau sagen, was mein inneres Feuer wieder entfachte. Ich kann dir nicht genau sagen, was mich im letzten Moment davon abhielt, die Grube zu einem Grab werden zu lassen.

Ich möchte dir nur sagen, dass es Menschen gibt, die diesen schmerzvollen und schweren Weg mit dir gehen. Dieser Schmerz ist nicht teilbar, den tragen wir alle allein. Aber wir müssen währenddessen nicht alleine sein.

Ich will mir nicht anmaßen, dir zu sagen, dass ich verstehe, warum du so müde vom Leben bist. Aber ich mache mir Gedanken um dich. Wenn du dir vorstellen kannst, dass es auch nur einen Menschen gibt, der dich wertschätzt und für den es nicht egal ist, wie es dir geht, lass mich es sein.

Wenn du diesen Gedanken zulässt, und er dir auch nur annähernd gut tut, rufe ihn dir ab. So oft wie möglich.

DU.

Du bist gut.

Du bist richtig.

Du bist wertvoll.

Du wirst gebraucht.

Dein Wesen und dein Sein ist von großem Wert.

Dein Gedanke, sterben zu wollen, ist nicht ab- oder bewertbar.

Du bist ein Mensch, der das selbe Recht darauf hat, ernstgenommen zu werden, wie jeder andere auf dieser Welt.

Wenn du diesen Funken in dir spürst, der es dir möglicht macht, irgendwann wieder ein Feuer brennen zu lassen, das Feuer, das unser Leben ausmacht, das Feuer, das uns sinnvolle Momente beschert, verlier ihn bitte nicht.

Wenn du reden oder weinen, schreien oder einfach nur mal wieder Jemandem in die Augen sehen willst, der auch dich sieht, lass nicht los.

Es gibt Menschen, die nicht geschockt oder mit Moralpredigten reagieren, wenn du ihnen von deinem Kummer erzählst. Die dich nicht sofort überrumpelnd und überfordernd an deine Pflicht der Eigen- und Fremdverantwortung erinnern.

Sondern die dich ersteinmal daran erinnern, wieder regelmäßig zu atmen, ein und aus. Die mit dir atmen. Die dich nicht unterbrechen. Dich dich nicht als fremdartig, falsch oder nervig abstempeln. Die dir nicht vorgeben, welchen Weg du aus der Grube gehen sollst, sondern gemeinsam mit dir schauen, wohin du laufen willst, um wieder Boden unter den Füßen zu spüren.

Ich bitte dich von Herzen:

gib dir und dann deinem Leben eine Chance, egal, wie klein sie sein mag. Und suche dich ab, schau, ob du irgendwo diesen klitzekleinen Funken findest. Du musst ihn nicht allein suchen. Du musst nicht noch lauter nach Hilfe rufen. Das alles ist anstrengend genug, aufstehen ist manchmal eine echte (Über-)Lebensaufgabe.

Doch lass dich finden.

Bitte.

 

 

 

 

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