Das Schwarz der anderen.

Schon als Kind habe ich die Energie anderer Lebewesen ungefiltert und pur wahrgenommen. Das war wie eine große Schüssel mit Pudding, Pizza, Obst, Gummibärchen, Spiegelei, Cola und Tee – ich wusste gar nicht, was ich zuerst essen wollte, ob ich überhaupt Hunger hatte…und dann kam die Übelkeit.

Das begegnete mir auf Familienfesten, Jahrmärkten, später auf Partys und in Diskotheken, noch später im Arbeitsmodus.

Es hat über zwanzig Jahre gedauert, bis ich erfuhr, dass ich eine hochsensible Person bin. Dass ich sensitiver als andere mit allen Sinnen und um alle Sonnen herum Energien und Stimmungen aufsauge, die andere manchmal nicht im Ansatz bemerken oder auf dem Schirm haben.

Dass ich im Turbomodus fühle, auffasse, verarbeite und reagiere. Ich aber ebenso längere Pausen benötige, um all das zu verdauen. Und ich oft damit vor Wände fahre.

Ich fahre oft durch einen großen Wald, hier bei uns quasi vor der Haustür gelegen. Dort drehe ich auch liebend gerne Gassirunden oder jogge.

Dort hat sich vor ein paar Wochen eine junge Frau erschossen. Bevor ich davon erfuhr, fühlte sich dieser fast tägliche Arbeitsweg plötzlich sehr schwermütig, komisch einengend an. Ich fing an zu weinen, völlig grundlos (dachte ich), fühlte mich so sehr zerbrechlich und dünnhäutig. Richtig angreifbar, als hätte man mir meine Bettdecke oder meine Winterjacke gestohlen.

Dann kam diese Nachricht. Und es riss mich kurz um. Ich vermied diesen Weg und fuhr über Umwege, bis ich darauf klar kam, dass mich der Suizid einer fremden Frau derart in meiner Substanz berührte.

Wenn ich durch die Stadt laufe, schaffe ich es mittlerweile, die Schwingungen der Stimmungen anderer Menschen zu filtern, und nicht mehr allzu knallend an mich heranzulassen. Das gelingt nicht immer, und, das muss und will ich sagen, dieser Charakterzug ist definitiv nicht nur negativ oder belastend.

Wenn man einmal weiß, was Hochsensibilität bedeutet und ist, vor allem für einen selbst, kann man soviel Gutes damit bewegen.

In meiner Arbeit als Sterbe- und Trauerbegleiterin kommt mir dieses Feingefühl und Hinfühl-Gen fast immer zur Hilfe und ich kann dadurch aus meiner Empathie noch mehr herausholen. So kann ich dabei helfen, das Schwarz der anderen ein wenig aufzuhellen.

Allerdings ist es schon ein sehr besonderer, fast körperlich spürbarer Schmerz, wenn ich am Straßenrand ein überfahrenes Tier liegen sehe – das geht fühlbar durch die Haut, dann ans Herz, dann in den Bauch und ich merke, wie ein kleiner Film vor meinem inneren Auge abläuft. Um mich selbst zu entlasten, segne ich die Tiere gedanklich aus. Wünsche ihnen eine gute Reise und versuche weiterführende Gedanken wie „Hatte dieses Reh irgendwo noch ein Kitz liegen?“ zu verknusen.

Gefühle.

Ich entscheide mich, das so zu wollen.

Mich nicht zu verschließen und mich nicht als schwaches „Sensibelchen“ abstempeln zu lassen.

Jede erneute Begegnung mit der Hochsensibilität lässt mich selbst wachsen und erinnert mich daran, dass es gut ist, in dieser Gesellschaft, auf dieser Welt mit dem Herzen hinzusehen, wenn andere nicht einmal mehr ihren Kopf einschalten wollen.

Fragt Eure Körpermitte, was so los ist und wie es ihr geht.

Lasst es zu, wenn sie weint.

Oder erst einmal schreit.

Denn das, was zur Zeit abgeht, ist nur schwer zu ertragen. Aber mit ein wenig mehr Herz und Bauch auf der richtungsweisenden Nasenspitze sitzend, kann das Steuer auch wieder rumgerissen werden.

Zur Sonne hin.

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