Mitlauftendenz.

Vor fünf Jahren las ich auf dem radiologischen Befund meiner damaligen Schädel-MRT-Untersuchung folgenden Satz:

„…zeigen sich in dieser Darstellung und Kombination mit der Anamnese hochgradig verdächtig auf ED.“

ED = Encephalomyelitis Disseminata = MS.

Und noch immer befinde ich mich in dieser schwammigen, seltsam unrealistischen und von einer latenten Furcht bedrohten Launewolke, wenn ich plötzlich TV-Berichte über MS sehe.

Oder etwas über sie lese.

Oder mir ein neuer Arzt gegenüber sitzt und nach Aufnahme meiner Anamnese sagt: „Oha, MS.“

Oha, ja.

Oha. Äh, wie bitte? Meint der mich? Tatsache, der meint mich.

Und wissen Sie, Herr Doktor, in Verbindung mit meinem hochsensiblen Dasein und dem Ich-will-und-muss-alles-richtig-machen-Gen ist das von Zeit zu Zeit eine ganz schön rappelige Kiste.

Ich habe mich im letzten Jahr ziemlich verändert.

Zum einen verlor ich knapp 35 Kilogramm Körpergewicht. Back to beauty. Back to voll doll wohlfühlen. Back to ich guck wieder in den Spiegel, ohne dass mir übel wird. Back to ich finde mich äußerlich wieder liebenswert.

Jeder Mensch ist liebenswert, egal ob dick, dünn, groß oder klein. Ganz klar.

Doch auf mich bezogen empfand ich das als ein absolutes Muss. Dass dieser KLICK-Moment einsetzte und ich wusste, es muss etwas passieren. Ich will mich wieder selbst lieben können.

Und umarmen.

Zum anderen schaffe ich es, mich auf mein Heute einzulassen. Und ich freue mich, das Gestern erlebt zu haben, egal, wie scheiße es auch war. Und schaue gespannt auf jeden neuen Tag, teils unsicher, teils noch doller unsicherererer. Manchmal einfach nur voller Vorfreude.

Ich weiß nicht, warum mich diese Unsicherheit noch immer einholt. Wahrscheinlich einfach deshalb, weil ich ein Mensch bin. Und ich noch nie zu denen gehörte, die vor Selbstwertgefühl und -bewusstsein überschäumen.

Es sind Versuche, genau die Versuche in den letzten 5 Jahren, über diesen Blog meine Gefühle in Worte  zu verwandeln. Meine unsichtbaren Symptome sichtbar zu machen und Schmerzen in etwas zu verzaubern, das sich plötzlich ertragen lässt und mit mir mitlaufen muss – weil ich sonst davor weglaufen würde.

Ich habe einen ziemlich gefährlichen Feind zu einem Freund gemacht. Weil er nun einmal da ist, voraussichtlich auch erst einmal nicht die Biege macht und ich Kriege so gar nicht leiden mag.

Die Entwicklung meiner MS ist spürbar.

Und die in meinem Umfeld auch. Das macht was mit uns. Mit mir und mit denen, die mit mir sind.

Ich kann ihnen die Sorge um mich nicht abnehmen, dafür sorge ich mich selbst viel zu anders. Ich sorge mich nicht ständig, ich sorge mich auch nicht zukunftsorientiert. Ich sorge mich phasenweise, eingewickelt in Wut und Zeterei. Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit kommen da eher selten vor. Ich sorge mich, in dem ich Arschtritte an diese Krankheit verteile und diesem Druck, den Niemand wegnehmen kann, Luft mache.

Es braucht soviel Platz für gute Dinge auf meiner persönlichen Waage. Den Platz, den mein Übergewicht viele Jahre beschlagnahmte, fülle ich nun mit anderen, schwerwiegenden Dingen, die mir helfen, meine Balance zu halten.

Die mir helfen, mich in meiner eigenen Mitte zu finden.

Und zu umarmen.

 

 

 

 

 

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