Über dieser Erde.

Die plötzlich auf mich einprasselnde Frage „Und? Wann ist es denn bei Dir mal soweit?“ empfand ich schon immer als distanzlos und als ein Eindringen in einen der intimsten Teile meines Lebens. Als würden wildfremde Menschen den Babybauch einer schwangeren Frau ungefragt betatschen.

Weiß der Teufel, warum meist die Menschen danach gieren, diese Frage stellen zu können, mit denen man am wenigstens zu tun hat.

Meist wird sie von einem herausfordenden Grinsen und hochgezogenen Augenbrauen begleitet. Was hinter einer (scheinbaren) Kinderlosigkeit stecken mag, daran denken die wenigsten. Manche Frauen haben zwar keine sichtbaren, lebendigen Kinder, sind aber vielleicht trotzdem eine Mama.

Ich bin, Zeit meines Lebens und darüber hinaus, Tochter. Und Enkelin. Und Schwester. Meine Geschwister sind Sternenkinder. Allerdings bin ich nicht nur Sternchenschwester.

Vor einer jeden Mama, die ihr Leben mit ihren Kindern gestaltet, sie aufzieht, unterstützt, liebt, graue Haare bekommt, vor Sorge und Glück verzweifelt und taumelt und all diese Möglichkeiten erleben und gestalten darf, ziehe ich meinen Hut.

Wenn ich meine Freunde erlebe, von denen locker 70% mittlerweile Eltern sind, wie sie mit ihren Kindern leben, leiden und lachen, schaue ich mit einem so doll warmen Herzen auf sie.

Mir begegnen mit meiner Entscheidung, keine Kinder mehr bekommen zu wollen, oftmals subtiles Verachten und ein komisches Entsetzen in den Augen anderer Menschen.

Dabei bin ich so gerne bereit, über einen gewissen Teil, der diese Entscheidung stützt, offen zu reden.

Es gibt MS’ler-Mamis. Klaro, denn auch auf unsere Krankheit bezogen gibt es kein Grundrezept, welches in Sachen Schwangerschaft und Geburt für alle gleich gilt. Nicht ist immer nur positiv oder negativ, gefährlich oder ungefährlich, gut oder schlecht.

Bei mir sieht die Lage, grob angerissen, so aus, dass es mich stark gefährden würde, schwanger zu sein und eine Geburt zu erleben. Und, ebenfalls grob angerissen, möchte ich, hätte ich mich nun für den weiteren Weg mit Kindern entschieden, die Geburt und das Leben meines Kindes auch selbst erleben. So lange wie möglich.

Nun denken vielleicht einige: Ja, aber auch gesunden Eltern kann etwas zustoßen.

Ja, das ist richtig. Da gibt es nur ein kleines Aber.

Bei uns ist, und das beziehe ich nicht nur auf Geburt und Schwangerschaft, die Wahrscheinlichkeit soviel größer, dass unser Morgen ein völlig anderes und total umgekrempeltes ist, als bei Gesunden.

Ich habe Kontakt zu Miterkrankten, die morgens aufwachten, obwohl sie zuvor nie eine Sehnerventzündung erlitten, und blind waren.

Ebenso verhält sich das mit anderen Symptomen. Und ich habe diese plötzlichen Einbußen, die einen einfach nur aus der Bahn werfen und zwingen: „Mach weiter, SO, wie es noch möglich ist, oder lass es!“ selbst mehrfach miter- und durchlebt.

Nun, meine MS ist wie gesagt nur ein Teil meiner jetzigen Entscheidung. Ich wünsche mir hierfür ein ebenso offenes Verständnis, wie ich es mit einer jeden Frau (egal ob gesund oder krank) teile, die sich (erneut) für das Muttersein entscheidet.

Die Welt ist nicht so tolerant, wie sie sich gibt. Das spüren alle, nicht nur wir Menschen mit Behinderung. Das spüren, als Beispiel, auch Menschen, die schon mal ein Kind ungewollt verloren haben.

Es ist egal, welche Entscheidung man danach für das weitere Leben trifft. Es wird immer Menschen geben, denen sie nicht passt – egal, ob wir für oder gegen etwas sind.

Wichtig ist, dass wir selbst unser Handeln verantworten können und damit leben wollen. Auch Seinlassen ist eine Handlung. Das ist wie mit der nicht vorhandenen Nicht-Kommunikation. Und so.

Wenn ein Baby stirbt, versteckt sich hinter all dem Schock, hinter all der Trauer, hinter all den geplatzten Plänen und Wünschen, eine Geschichte.

Die handelt von so vielen unterschiedlichen Aspekten. Der „Warum wir?“-Frage, Trauer, Sehnsucht, Zerrissen sein, sich unvollständig fühlen, Schuldgefühlen, Versagensdruck, Zukunftsängsten, Minderwertigkeitsgefühlen, Traurigkeit, Verstummen, Verzweifeln, dem Suchen, Liebe…

Die zu finden, anzunehmen und aufzuarbeiten ist eine Kunst.

Ich für mich habe in bislang allen Krisen gelernt: Hingucken tut weh, aber immer auch gut. Hingucken ist heilsam. Hingucken hilft, selbst nicht so extrem hart mit sich zu sein. Hingucken hilft beim Aufstehen. Hingucken hilft anderen, vielleicht auch ein wenig feiner zu fühlen, wenn es um Fremdschicksale geht.

Die typischen Sprüche, wie: „Och, Ihr könnt es doch nochmal versuchen!“ hören Eltern von Sternenkindern nicht nur einmal.

Könnt Ihr Euch das vorstellen? Euer Kind ist gerade erst verstorben, und Ihr bekommt den Rat, „es“ doch „einfach“ nochmal zu versuchen?

Einfach nochmal versuchen? Da ist ein Menschlein gestorben. Da, wo Leben war, ist keines mehr. Nicht hier, nicht irdisch, zumindest. Nochmal versuchen? Sind wir Fabriken? Leben wir wie auf Fließbändern? Geht es darum, andere durch aufgesetzte Stärke zu beeindrucken, damit sie sich selbst nicht mit der Endlichkeit unseres Lebens befassen müssen?

Nein.

Natürlich sollen Eltern, wenn sie es wollen, erneut versuchen, ein Kind zu bekommen – wenn SIE es wollen. Und nicht, weil die Gesellschaft es als normal und wünschenswert erachtet.

Jeder von uns fühlt anders. Jeder von uns hat eine anders gelagerte Start- und Ziellinie. Bei manchen Menschenwesen liegen Start und Ziel nur wenige Tage, wenige Wochen oder Monate voneinander entfernt.

Und auch das ist okay. Scheiße traurig und scheiße schmerzhaft. Aber okay. Weil es sich Leben nennen darf und soll.

„Sie sind schwanger“ bedeutet, dass ein Mensch auf dem Weg ins Leben ist. „Sie haben Ihr Kind verloren“ bedeutet im obigen Zusammenhang, dass ein Mensch gestorben ist.

Eigentlich ist das so eindeutig.

Manchmal frage ich mich, ob die Natur uns die Jahreszeiten schenkte, damit wir im Herbst und im Winter, wenn es draußen scheinbar nichts allzu Schön-Buntes zu bestaunen gibt, zu uns selbst finden und zur dringenden Ruhe kommen sollen.

Außen alles grau. Und bei uns so? Innenschau gefällig? Wo ist unser Fühlen hin? Unser Verständnis? Unsere Fähigkeit, zuzuhören? Zuhören, um zu verstehen. Und nicht nur zuhören, um zu entgegnen und seinen schnell dahergedachten Kopferguss zu präsentieren.

Die Welt lässt sich nicht anhalten. Die Menschheit steht sich so oft selbst im Weg. Ist hastig, hektisch, gehetzt und immer auf Machen bedacht. Ich mag es auch gern, zu machen. Aber ich halte mich mittlerweile auch gern mal an. Und inne. Und guck.

Wenn meine Blicke gewollt oder zufällig gen Himmel wandern, weiß ich, da passt ein ganzer Haufen überirdischer Herzenswesen auf mich auf. Verteilen, wenn nötig, donnernde Ohrfeigen oder himmlische Umarmungen.

So schmerzhaft und unersetzlich jeder einzelne Tod war und auch noch ist, so weiß ich:

Sie sind einfach schon vorgegangen.

 

 

 

 

 

 

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