Der Rabe in meiner Brust.

Diese innere Bewegungslosigkeit.

Mich packt ein Erschöpfungszustand nach dem nächsten, so habe ich es oft erlebt. Die Fatigue haut um sich und nimmt keine Rücksicht auf Dienstpläne, Termine und Verabredungen.

Ich ziehe mich zurück und wünsche mir, diese Müdigkeit, die nicht mit Müdigkeit zu vergleichen ist, wegschlafen zu können.

Doch in mir flattert es. Flügel schlagen auf und nieder, klopfen wild an meine Rippen, wollen, dass ich mich öffne und diesen Druck loslasse. Kleine Federn lösen sich aus dem Gefieder, ein Schnabel pickt vorsichtig und bestimmt an meine Organe.

Es fühlt sich an, als wäre ich in mir selbst gefangen, als sei mein Brustkorb mit all seinen Rippen, dem Brustbein und der Wirbelsäule ein Käfig.

Und in diesem Käfig fliegt auf kleinstem Raum ein großer, wunderschöner Rabe auf und ab. Wie ein Kolibri tanzt er auf der Stelle und bewegt sich scheinbar weder vor, noch zurück.

Ich erhoffe mir, diese gefühlte Narkose lösen und aufbrechen zu können. Mein Kopf ist voll mit so, so vielen Vorhaben.

Liebe. Leben. Lernen. Lachen. Laufen.

Doch es haut mich um, von jetzt auf gleich.

Manchmal reichen ein paar Stunden Schlaf, wenn die Flügelschläge nicht allzu stark sind, manchmal reichen nicht einmal mehrere Tage der Ruhe, um ins hibbelig-aktive Leben zurück zu finden.

Während ich mich in meiner Höhle, meinem Bett und dem verdunkelten Zimmer ausruhe, meine Hunde neben mir liegen und ich ab und an auf mein Handy sehe, um meinen Freunden, meinem Freund und meiner Familie zu erklären versuche, was da los ist, kommen und gehen Gedanken ein und aus.

Wunschdenken.

Dieser Rabe in meiner Brust.

Kann ich mich selbst befreien, um frei zu sein?

Muss ich das?

Ich darf.

Er ist ein Teil von mir. Und doch wünsche ich mir, meinen Brustkorb wie eine Katzenklappe aufsperren zu können, um ihn fliegen zu lassen.

Und mit ihm die MS.

Die Schmerzen. Die Missempfindungen. Die Fatigue. Die Ängste. Die Nöte. Die Sehstörungen. Die Motorikprobleme. Energie freisetzen dürfen, um mich selbst neu zu entdecken. Noch mehr, noch viel mehr, öfter, bewusster und motivierter.

Und doch hänge ich an ihm.

Diesem Raben in meiner Brust.

Er hat mir soviel beigebracht.

Selbstliebe. Achtsamkeit. Selbstbewusstsein. Sein. Sein lassen. Atmen. Hinsehen. Weinen dürfen. Kommunizieren dürfen. Grenzen beachten und auf Grenzen scheißen. Dankbar sein. Im Hier und Jetzt leben.

Auch mit all diesem Scheiß.

Wenn ich irgendwann mal in eine andere Welt übergehe, wird er frei sein. Spätestens dann. Dann darf er fliegen. Dann öffnet sich die imaginäre Katzenklappe in meinem Brustkorb und wir beide lösen uns von dem, was uns jetzt und hier belastet und doch hilft, dann, in einem neuen Leben auf das zurückgreifen zu können, was eine alte Seele ausmacht.

Erfahrung. Demut. Geduld.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s