Raus.

Gemeinsam sind wir weit über 130 Jahre alt.

Ich sitze mit meiner Klientin in ihrem Zimmer eines Pflegeheims am Kaffeetisch und wir reden, während wir gemeinsam einen Platz für ihren neuen Kalender suchen, über das Sterben.

Das hat sie noch lange nicht vor. Warum?

„Ich liebe das Leben.“

Ganz einfach.

Wir reden also über das Sterben, das Leben, das Unverhoffte und das Erwartete, das, was nie eintraf und das, was zum Glück geschah.

Da rauscht Jemand ohne anzuklopfen in den Raum, geht stramm an uns vorbei, stellt eine Tasse überschwappenden Tee und ein Stück Kuchen auf einer Serviette liegend auf eines ihrer Bücher, die auf dem Nachttisch liegen, und verlässt, die Tür knallend, das Zimmer.

„Was war das denn?“, frage ich meine alte Dame.

„Das? Etwas Häufiges.“

Bevor ich mich dazu entschließen kann, der Mitarbeiterin hinterherzugehen, passiert das Gleiche erneut. Nur mit anderer Besetzung und Requisite. Diesmal wird Wäsche gebracht.

„Legen Sie die Wäsche bitte einfach auf mein Bett. Ich räume sie selbst weg“, sagt Frau T.

„Ach, das ist doch schnell gemacht!“, entgegnet die Mitarbeiterin.

„Nein, ich…“

„Doch, doch! Das geht schnell!“

„DARUM geht es hier aber nicht. Frau T. möchte ihre Wäsche selbst in ihren Schrank räumen. Haben Sie das soeben gehört? Es wäre sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie die Wäsche einfach aufs Bett legen.“

Stille. Geworfene Wäsche. Türknall.

Wir gucken uns beide ziemlich zerknirscht an.

Ich finde es tapfer und bewundernswert, wie meine alte, fröhliche und geistig mehr als fitte Dame diesen Heimalltag aushält und durchlebt.

Ihr bleibt, so sagt sie, nichts anderes übrig.

Der Kopf will und tut, der Körper kann nicht mehr mithalten.

„Darüber kann ich mich nun ärgern, oder das Beste draus machen. Simone? Du verstehst das.“

Jo, verstehe ich. Tapferes Wesen!

Und trotzdem haben wir eine dicke, fette Gemeinsamkeit.

TROTZ der Situation von Frau T., die 24 Stunden und 7 Tage die Woche den Mut aufbringt, bewusst und mit allen Konsequenzen in einer Abhängigkeit zu leben. Und darum betteln zu müssen, ihr Eigentum selbst wegräumen zu dürfen…dieser Situation, die ich in keinster Weise nachempfinden kann. Ich, die in ihren eigenen 4 Wänden selbstbestimmt essen, trinken, schlafen, aufstehen, pinkeln, sich schminken, schreien, lieben und kochen darf.

Zurück zu unserer Gemeinsamkeit:

Wir hassen Floskeln.

„Mache das Beste aus Deinem Leben“ oder „Lebe jeden Tag so, als wäre es Dein letzter“.

Klar stecken wahre Botschaften hinter diesen Worten. Aber man kann und sollte sie vielleicht einmal zerlegen und vor allem, bitte, nicht so ausnudeln und zerfleddern, nicht einfach als schicke „Quotes of the day“ nutzen, obwohl man nicht weiß, ob mein Gegenüber das gerade als anmaßend oder unangebracht empfindet.

Ich verstehe Menschen, die, wie ich auch, in lebenslänglich verstrickten Momenten leben, die einen manchmal so verheddern, dass man sich viel früher mit dem eigenen Krankheitsende, dem eventuellen sehr kotzigen Verlauf, der eigenen Trauerfeier und Co. beschäftigt, als man es eigentlich mal plante.

Aber würde ich JEDEN Tag so leben, als wäre es mein letzter, müsste ich jeden Tag Abschiede feiern. Vielleicht läge ich auf einer Intensivstation. Oder ich säße an einem Kaffeetisch eines Altenpflegeheims und würde an die Türrückseite meines Zimmers starren, während ich versuche, an mein trockenes Stück Kuchen, das in einer kalten Teepfütze liegt, zu gelangen. Oder oder oder.

Ich bin doch da. Ich lebe doch. Ich mache und atme und wünsche.

Vor allem liebe ich ruhige Tage und Stunden. Die Zeit des Gammelns und der Unproduktivität. Einfach nur sein, schnarchen, schlummern.

Wüsste ich, dass morgen Ende ist, würde ich wohl eher vollkommen unter Stress stehen und versuchen, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um dies und jenes zu erledigen. Und mich dabei erneut so verheddern, dass dieser letzte, wertvolle Tag zum Scheitern verurteilt wäre.

Momente genießen und wertschätzen mag ich. Denn, ja, sie kommen SO niemals wieder.

Auch bin ich totaler Befürworter der bewussten Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit und der Endlichkeit überhaupt. Es wäre schlimm, wenn ich dies nicht unterstützen würde.

Als ich mit Anfang 20 meine erste Patientenverfügung schrieb, die immer mal wieder hier und da abgeändert und neu unterzeichnet wird, war ich einfach nur erleichtert – ES ist erledigt. WENN etwas geschieht, wissen meine Engsten, was ich mir für meine letzte Reise wünsche, insofern es umsetzbar ist, und was ich auf keinen, aber auch wirklich keinsten Fall möchte.

Doch will ich das jeden Tag? Das kann ich auch auf meine MS auslegen. Die ist, wie die Tatsache der Endlichkeit, jeden Tag auf meinem Tagesplan, ob ich das will, oder nicht.

Nur kann ich selbst entscheiden, wieviel Raum ich welchem Thema gebe. An manchen Tagen nimmt das mehr Zeit und Gefühle, Synapsen und Worte in Anspruch, und dann gibt es wiederum Zeiten, in denen sie fast verblasst.

Und das ist auch gut so.

Wenn Jemand Frau T. mit den vorgefertigten Worten begrüßt oder verabschiedet, sie HABE ja bereits ein „schönes, langes“ Leben gehabt, wird er, bevor er weiterfloskeln kann, wie folgt begrüßt oder verabschiedet:

„Raus.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s