Und ich?

Es mag für manch einen einen seltsamen Beigeschmack haben, wenn Menschen, die unter dem sogenannten Helfersyndrom „leiden“ und sonst immer ein offenes Ohr, eine Schulter zum Anlehnen und scheinbar Zeit ohne Ende besitzen, plötzlich leise werden.

Ja, was hat sie denn? Komisch, sonst kam doch immer so schnell eine Antwort?

Das sind noch freundliche Gedanken. Böser wird es, wenn man diesen Helferlein unterstellt, sie hätten urplötzlich kein Interesse mehr am Leben und Schicksal der anderen.

Da muss ich STOP rufen.

Denn auch besagte Helferlein brauchen mal ein Ohr, eine Schulter und die Zeit eines anderen. Mal auch etwas mehr Zeit für sich. Und manchmal ein bisschen ganz viel mehr Zeit.

Vor ein paar Jahren dachte ich noch, dass dieses Neuordnungs-Ding samt Rückzug, Ruhebedürfnis und durchgeschüttelt werden etwas sehr Besonderes und Seltenes wäre.

Es gibt einen so schönen Spruch, den ich vor kurzem las: „Es ruckelt immer ein bisschen, wenn das Leben in den nächsten Gang schaltet.“

Das passiert nicht nur dann und wann, denn das Leben ist ein ständiges Verändern und Neurordnen. Mal im Großen, mal im Kleinen.

Mal eine Fahrt ins Grüne, dann ein Ritt durch die Hölle, huch, jetzt gehts wieder aufwärts. Siehst Du die Sonne da oben?

Mal brauche ich Lärm, dann wieder Stille. Mal ist mein Tag pures Hin- und Hergehetze, dann einfach nur zum Großteil Ruhe und Langsamkeit. Mal kann ich gefühlt endlos viel geben, dann wiederum bin ich es, die Hilfe braucht und schwach, klein und müde sein will.

Seine eigenen Bedürfnisse zu vertreten ist sauschwer.

SAUschwer.

Ähnlich wie mit dem Üben, ein deutliches „NEIN“ auszusprechen und sich an genau das zu halten, ist auch hier mein erkanntes Problem, dass ich mich für alles rechtfertigen und mich erklären will.

Warum eigentlich?

Gerade dann, wenn man merkt, dass Prioritäten mehrerer Menschen in einem engeren Verhältnis auseinander bewegen. Oder der eine das links dem geradeaus vorzieht. Oder man die Nase des anderen einfach nicht mehr leiden mag. Oder der andere meine Nase plötzlich scheiße findet.

Das ist doch okay.

Manches tut mehr weh, als anderes. Allerdings:

Schmerz ist Schmerz.

Egal, ob es sich um ein aufgeschlagenes Knie, ein verlorenes Kuscheltier, einen verstorbenen Menschen oder den Verlust eines Jobs handelt.

Schmerz ist Schmerz.

Sicherlich gibt es unterschiedliche Level, zeitliche Unterschiede und eine von Mensch zu Mensch unterschiedliche Bewältigungsstrategie; aber wer will und darf das schon beurteilen und vor allem darüber urteilen, welchen Schmerz ein anderer in welcher Intensität spürt?

Als Kind wollte ich wirklich so schnell wie möglich erwachsen werden. Die Gründe dafür waren so vielfältig, eine Zeit lang habe ich darüber gelacht. Jetzt ist mir manchmal zum Heulen zumute, denn mein inneres Kind wird manchmal, je nach Schmerzdauer, immer kleiner und blasser.

Heilig Abend dauerte früher gefühlte Lichtjahre. Wann geht diese Tür endlich auf, mit Blick auf den geschmückten Baum, dem Klang der Musik und der klingenden Glocke, dem Geruch von Lebkuchen und dem Knistern beim Auspacken des Schokoweihnachtsmannes?

Heute: „Hallo Montag, schön, dass ich Dich wieder erleben darf…huch, was? Moin, Sonntag…“

Ich will zurück, manchmal.

Und Du?

 

 

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