Nach vorne.

Ein Stadtbummel.

Früher hasste ich es, inmitten vieler Menschen etwas erledigen zu müssen.

Diese Energie aller Hektik, Missstimmungen, Sorgen und die starr nach vorne gerichteten Blicke haben mich total erschöpft und nicht selten auch geängstigt.

Als hätte ich es in diesen Momenten geschafft, mich unsichtbar zu machen: es gab kein einziges Mal an diesen Tagen, dass ich es schaffte, ohne blaue Flecken nach Hause zu kommen.

Ich wurde angerempelt, als stünde an meiner Stelle niemand.

Richtete ich doch jedes Mal nach kurzer Zeit meine Blicke nach unten auf den Boden und auf meine Fußspitzen. Die übrigens auch gerne plattgetrampelt wurden.

Aufgrund meines Gewichtes in den letzten Jahren waren Aufenthalte in Wartezimmern, Restaurants oder oder oder einfach nur ein Graus. Und ich wünschte mir immer, die Zeit bitte vorspulen zu können.

Nach Hause…ich will nach Hause.

Die Blicke, die mich mit 140 Kilo Körpergewicht trafen, schmerzten. Ich war in diesen Situationen weder wütend, noch traurig. Ich schämte mich einfach fürchterlich und meine Seele war voll von unzähligen Mikroverletzungen, die sich irgendwann verselbstständigten und ineinander zu einem großen Ganzen verschmolzen.

Ich fühlte mich, als sei ich selbst der Schmerz, der mich da heimsuchte. Zusätzlich zu den MS-Symptomen und allen Aufs und Abs des Lebens, kam also noch eine gewaltige Depression hinzu, die ich irgendwann nicht mehr selber in den Griff bekam.

Also suchte ich mir Hilfe, die ich ein Jahr lang in Anspruch nahm, und die mich Stück für Stück wieder auf meine Füße stellte.

Nach einem Jahr wurde ich von meiner Gesprächstherapeutin aufgefordert, „loszulaufen“. Das war kurz nach meiner gefestigten MS-Diagnose und ich war vollkommen verwirrt, wieso sie mich gerade jetzt aus dem so sicheren Nest warf.

Es gesellte sich erneut etwas zu mir: Angst. Diesmal nicht vor mir selbst oder vor dem, was da draußen so los ist. Ich hatte Angst vor meinem eigenen Versagen, mit der großen ganzen Scheiße, die dieses Leben einfach mit sich bringt, nicht umgehen zu können und wieder den „Ich-bin-unsichtbar-Schalter“ drücken zu wollen.

Nach Hause…ich will nach Hause.

Zuhause.

Mein Hundeherzchen Kolja (Pedro kam kurze Zeit später in unsere Familie) kuschelte sich an mich und schleckte mir über die Nase. Kolja durfte, je nach Tageszeit, mit zu den Gesprächstherapiestunden, das war so großartig, wie er durch die Praxisräume des großen Altbaus taperte und sich mal diesen oder jenen Chillo-Platz aussuchte, bevor er zu mir zurück kam.

Hunde sind Lebensretter.

Ach, ja…zuhause.

Ich schaute in meinen Spiegel und sah mich nicht mehr. Meine Seele wusste, dass die Aufforderung „loszulaufen“ nun der nächste wichtige Schritt ist. In vielerlei Hinsicht, denn nicht nur meine gefühlte Angst vor Psychopathen, menschlichen Eisklötzen und Arschlöchern sollte und wollte ich endlich wieder unter Kontrolle bekommen, hatte ich immerhin viele viele Werkzeuge aus einem Jahr harter Arbeit an mir selbst in der Tasche.

Nein, nicht nur die.

Ich wollte mich endlich wieder sehen. Mich ausbuddeln, freischaufeln von all dem Frustfett und den Polstern, die mich gar nicht und niemals geschützt haben.Ich wollte wieder länger laufen und ohne Furcht unterwegs können, auch mit der MS auf dem Rücken.

Ich wollte endlich meine Füße wieder im Stehen sehen können.

Ich wollte endlich wieder eine fließende Silhouette haben.

Ich wollte wieder lieben und mich lieben lassen.

Ich suchte meinen Flow.

Im Endeffekt wollte ich mich und meine Lebensliebe zurückerobern…

…und griff zu meinen zwei Nordic-Walking-Stöcken.

Und stöckelte los.

Erst 500 Meter, dann einen Kilometer, zu Beginn nur spät abends, damit mich bloß Niemand sah, dann auch nachmittags.

Irgendwann störten sie mich bei den vorsichtigen Versuchen, mit dem stetig sinkenden Gewicht kleine Etappen zu joggen.

Zeitsprung.

Es ist 2016. Mein bester Freund schenkt mir meine geliebten asics, die ich noch heute laufe. Ich kaufe mir Funktionswäsche und lasse mich von meinem Papa beraten, da er selbst Laufsportprofi ist.

Ich laufe.

Und laufe.

Und laufe.

Und verliere Gewicht; 2016 waren es über 30 Kilo, 2017 gesellten sich noch fast 25 Kilo dazu.

Wer und was sich noch dazugesellte?

Viele, viele Erfahrungen. Ein Freund, mit dem ich mittlerweile seit 14 Monaten mein Leben teile, und er seines mit mir.

Eine große Lust und echter Genuss, durch die Stadt zu bummeln, wieder Klammotten von der Stange kaufen zu können und mich zu zeigen. Eine entwickelte Laufsucht. Eine völlig veränderte, gesunde Ernährung.

Leider stark gehäufte Schmerzschübe, eine veränderte Sehkraft und ein spürbar neuer MS-Level. Eine sehr krasse Bossing-Erfahrung, die mich zwischendurch um Längen zurückwarf.

Viel, viel lose Haut, die bald durch mehrere OPs weichen muss (der Startschuss -eine andere OP, aber genau für alles weitere so wichtig-fällt am 16.02.), ein rundum erneutertes Selbstbewusstsein im und für den Beruf…

…und leider eine erneute Diagnose, das Lipödem, welches meine Ober- und Unterschenkel im fortgeschrittenen Stadium betrifft.

Wenn man sich den Arsch aus der Hose läuft und die Beine nur extrem langsam mit dem Fettverlust hinterherkommen, wundert man sich irgendwann. Ich vermutete das Lipödem zwar schon länger, doch kam hier wieder mein „Ich-bzw-dieser-Scheiß-ist-unsichtbar-lalala“-Verhalten hinzu.

Doch nur, weil wir etwas ignorieren, heißt es nicht, dass es nicht existiert.

Diese Meinung vertrete ich bereits mein Leben lang, und stehe auch endlich wieder selbst für sie ein.

Und so arrangiere ich mich damit, eine sehr wohl okaye, neue Silhouette zu besitzen, bei der allerdings der Ober- irgendwie nicht ganz mit dem Unterkörper zusammenpasst. Doch auch hier hoffe und kämpfe ich auf und für medizinische Hilfe.

Ein Stadtbummel.

Ich bin ruhiger geworden, behalte vieles für mich, bevor ich die virtuelle Welt oder mein Umfeld informiere. Mache mehr mit mir selbst aus. Lerne mich neu kennen.

Das tut gut, fühlt sich gesund an.

Ich schaue nach oben, links, rechts und bemerke neben vielen zusammengekniffenen Augen auch lächelnde Münder und spüre wieder die guten, fröhlichen Energien. Ich werde weniger angerempelt, da ich mein äußeres Standing und meine innere Haltung verändert und rundumerneuert habe.

Ich bemerke, dass Menschen auf mein Aussehen positiv und normal reagieren, und die, die dies nicht tun, im Sinne von verbaler Verachtung, entgleisender Mimik oder was auch immer, blende ich so gut es geht aus oder empfehle ihnen kurz und knackig professionelle Hilfe in Sachen Selbsthilfe.

Noch immer schlummern diese Mikroverletzungen in mir.

Sie sind Mahnmale, die ich so gut es geht verarzte und heilen lasse. Nicht alles ist gut, aber alles verändert sich und darf besser werden.

Mein Anspruch ist es, mein Denken, Fühlen und Sein nicht mehr unsichtbar knipsen zu wollen.

Und ich bin dankbar für alles, was mein Körper in den letzten Jahren gemeinsam mit meiner Seele wieder auf die Füße stellte…

…um loszulaufen.

 

 

 

 

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