Du bist ich bin Du.

Sie purzeln, die Frischbuchstaben. Ihr lest das schon.

Und so manche scheinen nur getippt frisch zu sein, viele wüten, schweben und huschen schon länger durch meinen Kopf.

Seit meinem Blog „Fremdschämen“ ertappe ich mich dabei, wie ich meine Situation und meine Gemütslage an weniger schönen Tagen irgendwie schönrede. Trotz meiner Offenheit die MS und meine Konstitution betreffend scheint mich diese Tatsache, dass es Menschen gibt, die anderen ihren ganzen Lebensfrust aufbürden, mehr mitzunehmen, als zuerst gedacht.

Nee, was für ein Schwachsinn. Multiple Sklerose – das sind zwei kleine Worte mit einer wahnsinnig riesigen, tiefen und vielleicht auch zunächst atemstockenden Bedeutung.

Aber wir, die diese Krankheit in sich tragen, sind auch nur Menschen. Egal, ob gesund oder weniger gesund: jeder Mensch hat mal einen schlechten Tag, oder auch mehrere. Jeder steckt mal in einer Krise, oder auch in mehreren. Jeder von uns hat Phasen, in denen nichts mehr gut erscheint. So ganz und gar nicht…

Vielleicht habe ich manchmal taube und kribbelnde Hände. Das bedeutet aber nicht, dass ich Deine nicht halten kann, sanft sein kann und Dich stützen kann, meine Hunde kraulen kann und meine Gedanken per Hand zu Papier bringe. Das kann und will so manch ein Gesunder nicht. 

Vielleicht vergesse ich mittlerweile mal den einen oder anderen Geburtstag oder eine Telefonnummer, die mir jahrelang im Gedächtnis war. Das bedeutet aber nicht, dass ich Dich vergesse, oder mit böser Absicht wichtige Ereignisse verdränge. Kann man das von so manch einem Gesunden sagen?

Vielleicht spielen mir meine Augen ab und zu einen Streich, lassen Buchstaben auf dem Papier tanzen, zwingen mich dazu, sie öfter mal zu reiben oder zu schonen. Das bedeutet aber nicht, dass ich Dich nicht sehe, dass ich die Welt nicht sehen will. So manch ein Gesunder verschließt sich vor allem, was nicht mit ihm zu tun hat.

Vielleicht bin ich öfter müde und erschöpft, brauche mehr Pausen und Auszeiten, mehr Zeit für mich und meine Bedürfnisse. Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht für Dich da bin, für meine Lieben, und sie mit wachem Blick wahrnehme, sehe und beachte. So manch ein Gesunder begreift gar nicht, was Mit- und Füreinander bedeutet.

Vielleicht laufe ich nicht immer kerzengerade durch die Weltgeschichte und stolpere auch hier und da mal. Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht auf meinem eigenen Weg bleibe und ihn klar vor Augen habe. Viele Wege führen nach Rom…das weiß so manch ein Gesunder nicht.

Vielleicht denke ich ein wenig anders über die Themen Krankheit, Sterben, Tod, Leben, Lachen und Lieben. Das bedeutet aber nicht, dass ich keine Empathie für Andersdenkende empfinde und mich nicht für Meinungen interessiere, die nicht meiner eigenen entsprechen. Wir alle haben das Recht auf unser eigenes Denken und Fühlen. Dieses Recht gibt einem so manch ein Gesunder nicht.

Vielleicht eignete ich mir in den letzten Jahren die eine oder andere seltsame Eigenart an, die für Außenstehende etwas schräg wirkt. Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht normal und klar denke. Ich bin mein eigener Profi, bin reflektiert und kenne meinen Körper, meinen Geist und meine Ansprüche am besten. Dieses Wissen hat so manch ein Gesunder nicht.

Vielleicht kommt dieses Gesamtkonstrukt, welches meine MS in mir, mit mir geschaffen hat, bei anderen seltsam an, einfach anders, als normal. Wer definiert denn normal? Ich kann klar sagen, dass die Menschen, die ich liebe, die Tiere, die ich liebe und die in meiner Obhut sind, niemals zu kurz kommen. Ich nehme mir alle Zeit, die mir zur Verfügung steht. Diese Zeit ist wertvoller, als alles andere. Sie schafft Wärme, Vertrauen, Verantwortung, Bindung und Weitsicht. So manch ein Gesunder kann das nicht von sich und seinen Beziehungen behaupten.

Liebe Menschen,

dies ist keine Anti-Ode an die gesunden Menschen. Nein, bei weitem nicht. Dieser Text soll bitte aufzeigen, dass die Definition von Normalität überdacht werden soll. Die ist zeitweise in meinen Augen nämlich ziemlich absurd und dämlich. Es gibt Menschen, die sind und bleiben egoistische, eiskalte Arschlöcher, egal, ob sie krank oder gesund sind. Es gibt aber auch Menschen, die sind und bleiben liebenswürdig, empathisch und fürsorglich, egal, ob sie krank oder gesund sind.

Niemals dürfen wir andere Menschen in Schubladen stecken, die abwerten und diskriminieren, nur weil sie vielleicht MS haben, oder sonstige, für die breite Masse „nicht normal wirkende Einschränkungen“. Betroffene sind Meister im „neue Wege stricken“. Es gibt immer neue kleine Pfade, die man sich selbst ertrampeln kann, die man gehen kann. Menschen, die kein „normales“ Leben führen können, sind oft Meister der Improvisation, sie fühlen häufig intensiver und eher, wenn etwas nicht stimmt. Es muss einen Grund haben, weshalb viele MS’ler, die ich kenne, definitiv hoch sensible Meschen sind.

Ich von meiner Seite aus kann sagen, dass ich so einige Schmerzen mehr, so einige taube Hautareale mehr oder auch so einige extrem müde Tage mehr in Kauf nehmen würde, damit es meinen Lieben, meinen Eltern, meinen Hundeherzchen, meinen Freunden weiterhin prima geht und sie ein mehr als gutes Leben führen können.

Ich sehe mich in diesem System, in welchem ich stecke, bei weitem nicht an erster oder wichtigster Stelle, „nur“ weil ich MS habe. Eine MS von vielen, vielen auf dieser Welt. Niemand sollte seine Probleme negieren, alles, was schmerzt, belastet und uns aus der Bahn wirft, ist beachtenswert und tragisch.

Seid doch einfach Ihr. Mit allem, was schmerzt, mit allem, was gut tut.

Guckt hin, fühlt hin, ist manchmal arg blöd, tut manchmal arg weh.

Aber wenn es etwas garantiert gibt, für uns alle, ist es das Jetzt.

Leb doch, jetzt.

 

 

 

 

 

 

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